Der unbekannte Staat

Die Vermittlung eines Grundwissens über Diktaturen wird als eine zentrale Aufgabe in einer Demokratie erachtet. So betonte kürzlich der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, welch „wesentlichen Beitrag“ die Aufklärung über den Nationalsozialismus „bei der Demokratisierung der Deutschen nach 1945 geleistet“ habe. Daher werde er sich weiterhin für die Fortsetzung dieser Kernaufgabe seiner Institution in enger Zusammenarbeit mit den zahlreichen anderen schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen einsetzen. Doch wird dies auch bei der Vermittlung von Lehrstoff über die kommunistische Diktatur an deutschen Schulen ausreichend berücksichtigt? Was lernen Schüler über den SED-Staat, der immerhin mehr als 40 Jahre lang das Schicksal vieler Menschen in Deutschland direkt oder indirekt prägte? Bereits 2001 gab es eine größere Debatte darüber, ob – wie von zahlreichen Verbänden der Opfer der Diktatur als auch von wissenschaftlichen Experten angemahnt – das Thema DDR-Geschichte in den Schulen ausreichend behandelt werde. Als Resultat zahlreicher Diskussionen war damals die Forderung nach besserem und jugendgerechterem Lehrmaterial erhoben worden. Daher wurde seither unter anderem von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Erstellung von Dokumentarfilmen, die als Unterrichtsmaterial für diese Zielgruppe geeignet schienen, finanziell unterstützt. Nun hat der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin eine vergleichend angelegte Schülerbefragung von Gymnasiasten der 10. und 11. Klassen in Mittel- und Westdeutschland vorgelegt (siehe auch Seite 2). Um dem Vorwurf der Zufälligkeit zu begegnen, wurden über 5.000 Schüler in vier Bundesländern (Bayern, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen) ausgewählt, die einen umfangreichen Fragebogen ausfüllten. Dabei wurde untersucht, ob die Schüler in West- und Mitteldeutschland ein vergleichbares Bild der DDR im Kopf haben, sowie ob dieses von der Sichtweise der älteren Generationen geprägt ist, welche noch die Zeit der staatlichen Teilung selbst erlebt haben. Darüber hinaus wollten die Forscher wissen, wie die Schüler die beiden deutschen Teilstaaten im direkten Vergleich bewerten. Beim Blick auf die bislang veröffentlichten Ergebnisse fällt zunächst auf, daß in allen Bundesländern die überwiegende Zahl der Schüler die grundsätzliche Angabe machte, wenig beziehungsweise überhaupt nichts über die DDR zu wissen. In Berlin und Brandenburg geben dies rund 80 Prozent der Befragten an, in Nordrhein-Westfalen sogar 90 Prozent. Auf der anderen Seite kann jedoch ein grundsätzliches Interesse an diesem Thema den Jugendlichen nicht abgesprochen werden. Rund zwei Drittel der Befragten wollen zu dieser Thematik mehr erfahren. Logischerweise muß ein solcher Mangel an Wissen, wie er hier offen eingestanden wird, dann auch schnell zu Unklarheiten und Fehleinschätzungen der Sachverhalte führen. So sind bereits bei der Kernfrage, ob die DDR eine Diktatur gewesen sei, viele der befragten Schüler zu einer klaren Bewertung nicht fähig. Besonders in Brandenburg und in den Ostbezirken Berlins wird diese Frage von jedem zweiten Gymnasiasten verneint. In den Westbezirken Berlins geben dagegen zumindest rund 60 Prozent eine richtige Antwort, in Nordrhein-Westfalen liegt dieser Anteil noch etwas höher. Die Wissenschaftler haben für diese Fehleinschätzung vor allem zwei Gründe ausgemacht: Zum einen zeigten sich viele Schüler überhaupt nicht in der Lage, den Unterschied zwischen einem demokratischen Staat und einer Diktatur ausreichend zu definieren. Kannten sie diesen aber, gaben sie dennoch häufig keine richtige Antwort: Denn die Frage, ob es in der DDR freie Wahlen gab, aus denen die DDR-Regierung eine demokratische Legitimation hätte schöpfen können, wird von vielen Schülern mangels Wissen falsch beantwortet. In Brandenburg konnten 44 Prozent diese Frage nicht beantworten, 38 Prozent gaben eine falsche Antwort, und nicht einmal jeder Fünfte wußte, daß in die DDR erst nach der Friedlichen Revolution von 1989 erstmals nach über 40 Jahren frei gewählt werden konnte. Daß es dennoch einen recht deutlichen Unterschied zwischen West und Ost bei der Unterscheidung von Demokratie und Diktatur gab und hier westdeutsche Schüler besser abschnitten, hat wenig mit einer besseren Vermittlung in den Schulen zu tun. Die Ursache dafür liegt vielmehr in erster Linie in der Prägung durch die jeweiligen Elternhäuser: Herrscht dort im Durchschnitt ein eher DDR-kritisches Klima vor, wie es mehrheitlich in der westdeutschen Gesellschaft vor 1989 der Fall war, dann werden auch die Kinder heute noch stark von dieser Haltung geprägt. In Mitteldeutschland überwiegen dagegen heute immer noch Verklärungen der Vergangenheit im SED-Staat. Von relativ vielen Erwachsenen dort werden im Vergleich die „positiven Seiten“ der DDR besonders hervorgehoben, etwa soziale und staatliche „Sicherheit“, ein vermeintlich besserer Schutz gegenüber Kriminellen und niedrige Mieten. Zwar lehnen die meisten eine Wiederherstellung der DDR ab und sehen durchaus die Vorteile der heutigen Gesellschaft. Dennoch bleibt bei vielen Schülern im Kopf, daß die DDR zwar „anders“ – und keineswegs besser – war. Der Begriff Diktatur fällt jedoch kaum, so daß ihnen eine realistische Einschätzung sehr schwerfällt. Generell zeigt die Studie, wie stark gerade in dieser Frage der Einfluß der Eltern ist – was freilich auf die Vermittlungsarbeit der Schulen bei der Darstellung der kommunistischen Diktatur kein gutes Licht wirft. Foto: Schulunterricht: Zwei Drittel wollen mehr über die DDR wissen

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