Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Brisantes Geschäft mit Washington

Am 21. Juli ging seine zwölf Jahre dauernde Flucht zu Ende: Radovan Karadžić, einer der meistgesuchten Männer der Erde, wurde in Belgrad verhaftet, wo er unter dem Namen „Dragan Dabić“ gelebt hatte. Seit 30. Juli 2008 sitzt der 63jährige im Gefängnis des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag. Das 1993 vom UN-Sicherheitsrat geschaffene Ad-hoc-Tribunal wirft ihm vor, während seiner Amtszeit als Präsident der Republika Srpska (RS) in Bosnien-Herzegowina Kriegsverbrechen begangen zu haben. Er wird unter anderem für das Massaker an Bosniaken in Srebrenica verantwortlich gemacht. Mit Karadžić wurden bislang 44 Serben dem Tribunal überstellt, darunter die bosnisch-serbische Präsidentin Biljana Plavšić, der serbische Präsident Milan Milutinović und der 2006 verstorbene Slobodan Milošević. Das Sondertribunal hat hingegen weder kroatische noch bosnisch-muslimische Spitzenpolitiker jemals angeklagt. Die Mehrheit der Serben ist davon überzeugt, daß über Karadžić keine fairen Richter urteilen werden. Die Skepsis gründet sich vor allem auf die Weigerung des ICTY, Ermittlungen gegen die Nato wegen ihres völkerrechtswidrigen Überfalls auf Serbien 1999 einzuleiten. Am 3. Juli wurde zudem das Urteil gegen den Bosnier Naser Orić aufgehoben, der 2006 vom Haager Tribunal wegen Kriegsverbrechen an serbischen Zivilisten zu zwei Jahren Haft verurteilt worden war. Und das, obwohl der Kommandeur der bosniakischen Streitkräfte in der Enklave Srebrenica seinerzeit ausländischen Reportern stolz seine „Kriegstrophäen“ zeigte: Videos mit abgeschnittenen Köpfen, verbrannte und erschossene Serben, zerstörte Häuser und Leichenberge. Nun wurde nun ein weiteres brisantes Detail öffentlich: Karadžić soll bis zum Jahr 2000 unter dem inoffiziellen Schutz der USA gestanden haben. Dann habe ihn der US-Geheimdienst dabei ertappt, wie er die als Voraussetzung für diesen Schutz geltenden Vereinbarungen gebrochen habe, meldete die serbische Zeitung Blic. Karadžić hatte am Donnerstag zuvor vor dem ICTY erklärt, der frühere US-Gesandte Richard Holbrooke habe ihm im Gegenzug für seinen Rückzug aus der Politik Schutz vor Verfolgung durch das Tribunal zugesichert. Holbrooke bestreitet dies. „Ich weiß es aus erster Hand. Ich war dabei“, behauptet hingegen der ehemalige RS-Außenminister Aleksa Buha. In der Nacht zwischen dem 18. und 19. Juli 1996 hätte sich Karadžić in Belgrad mit Holbrooke darauf verständigt. Dabei gewesen seien auch Milošević und RS-Parlamentspräsident Momčilo Krajišnik. Karadžics Rücktritt sei eine Bedingung dafür gewesen, daß seine Serbische Demokratische Partei (SDS) nicht verboten wird, so Buha. Nachdem Karadžić das Dokument unterzeichnet hatte, soll Holbrooke gesagt haben: Die SDS dürfe an den Wahlen teilnehmen, dafür sei das Tribunal für Karadžić Geschichte. Auch der ehemalige RS-Pressechef und spätere Karadžić-Verleger Miroslav Toholj bestätigte am Montag noch einmal der JF diesen „Deal“. Er würde immerhin erklären, wie sich Karadžić jahrelang in Bosnien trotz der Nato-Präsenz unbehelligt bewegen konnte. Wer serbischen Quellen mißtraut, glaubt vielleicht dem Ex-Außenminister und UN-Botschafter Bosniens, Muhamed Šaćirbegović. Der lange Jahre (unter dem Namen Sacirbey) in den USA lebende Geschäftsmann erklärte der Zeitung Dnevni list aus Mostar, daß ihm ein hoher US-Diplomat gesagt habe, die USA hätten Karadžic garantiert, nach seinem Rücktritt nicht verhaftet zu werden. Auch der slowenische Ex-Präsidentschaftskandidat Zmago Jelinčič Plemeniti (SNS) bestätigte im Wiener Standard, er habe das Dokument gesehen. Sogar der serbische Ex-Premier Vojislav Koštunica sei im Besitz dieses Papiers. „Ich habe es in seiner Partei gesehen“, so Jelinčič. Karadžic, der von Beruf Psychiater ist, behauptet sogar, die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright habe seiner Amtsnachfolgerin Plavšić vorgeschlagen, daß er nach Rußland, Griechenland oder Serbien gehen und eine Privatklinik eröffnen solle. Foto: Radovan Karadžic: Nach zwölf Jahren Flucht nun in Den Haag

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