Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

„Lobhudelei rein, Kritik raus“

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia steckt voller Tücken. Was sich auf den ersten Blick als frei und basisdemokratisch ausgibt, ist bei näherer Betrachtung oft doch ein Tummelplatz selbsternannter Zensoren.

Zwar bedeutet die Möglichkeit, daß jeder Lexikon-Eintrag von jedem Benutzer, der es besser zu wissen meint, korrigiert werden kann, im besten Fall eine Gewährleistung für weitgehende Objektivität. Doch bei Artikeln, die politische Themen oder etwa lebende Personen betreffen und damit anfälliger für das Einfließen von Meinungen der Autoren sind, sieht die Sache in der Praxis anders aus. Da werden dann bestimmte Artikel "bewacht", um zu verhindern, daß unliebsame Änderungen Bestand haben. Selbst wenn solch eine geänderte Version – wie von den Wikipedia-Regeln verlangt – mit Quellenangaben belegt wurde, heißt dies noch lange nicht, daß sie allein deswegen durchsetzbar wäre.

In den Diskussionen über Für und Wider etwaiger Änderungen strotzt es daher auch von Vorwürfen, diese oder jene Quelle sei nicht "seriös" oder quantitativ nicht ausreichend. Zudem wird sich in solchen Streitfällen von den "Usern" gerne wechselseitig vorgeworfen, zu "POV-(Point-of-view)-lastig" zu sein, also zuviel eigene Meinung in den Artikel einfließen zu lassen.

Vor allem aber ist eine ständige Anwesenheit im Internet der beste Garant, unliebsame Artikelversionen zu verhindern, indem man sie löscht. Erfolgversprechend ist auch die Absprache mit Gleichgesinnten, die für die nötige Verstärkung im sogenannten "edit-war", also im Kampf der Artikel-Autoren sorgen.

Wer also am meisten Zeit investiert, mehr Gleichgesinnte mobilisiert und am hartnäckigsten an seiner Version festhält, bestimmt, was allen Nutzern als Online-Information zur Verfügung steht, und hat auf diese Weise nachhaltigen Einfluß auf die "Wiki-Wahrheit".

Ein aktueller Fall solcher Auseinandersetzungen ist der Wikipedia-Artikel über den SPD-Landtagsabgeordneten Stephan Braun aus Baden-Württemberg, der politisch und publizistisch schwerpunktmäßig gegen die JUNGE FREIHEIT zu Felde zieht. Von interessierter Seite wird hier verhindert, kritische Medienberichte über Brauns jüngste Veröffentlichung "Die Wochenzeitung ‚Junge Freiheit‘. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden." aufzunehmen.

So heißt es unter der Rubrik "Inhaltlich-Politischer Schwerpunkt: Engagement gegen rechtskonservative und rechtsextreme Tendenzen" in dem betreffenden Wikipedia-Artikel über Stephan Braun: "Neben der baden-württembergischen SPD-Landesvorsitzenden Ute Vogt ist Braun Mitherausgeber einer kritischen Publikation über die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT (mit Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Leserschaft), die im Juli 2007 erschienen ist. Nach einer Darstellung der tageszeitung dürfte das Material genügen, um jene Politiker zu widerlegen, die nichts dabei fänden, der JUNGEN FREIHEIT mit Interviews zu breiterer Aufmerksamkeit und womöglich auch Akzeptanz zu verhelfen."

Doch die mittlerweile auf Braun selber zurückfallenden Vorwürfe, er sei bei der Auswahl der Autoren seines Sammelbandes seinerseits nicht allzu kritisch vorgegangen und habe auch auf Mitarbeiter linksextremer Publikationen zurückgegriffen, fehlen im entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Obwohl mittlerweile genügend aussagekräftiges Material über die Autoren des Buches und ihre politischen Hintergründe vorliegt, wird dieses von engagierten "Wiki-Usern" bewußt ignoriert, da es nicht in ihr Konzept paßt.

Der Versuch, der anderen Seite in einem Streitfall Gehör zu verschaffen, wird mit dem Hinweis unterbunden, hierbei handle es sich um eine "Kampagne" der JF gegen den Landtagsabgeordneten Stephan Braun. Vom postulierten "neutralen" Standpunkt der Wikipedia aus gesehen, müßte es eigentlich dem Benutzer möglich sein, sich ein umfassendes Bild über Stephan Braun zu machen; das schließt dessen publizistische Tätigkeit über die JUNGE FREIHEIT ebenso ein wie deren Kritik daran.

Die Voreingenommenheit bei denen, die entsprechende kritische Bemerkungen unterdrücken, geht jedoch noch weiter. Während zwar die linke tageszeitung als Quelle offenbar "reputabel" genug ist, gilt dies nicht für das Münchner Nachrichtenmagazin Focus.

Keine Hinweise auf den "Focus"-Artikel

Dieses hatte vor knapp zwei Wochen über die Hintergründe zu Brauns Veröffentlichung geschrieben: "Mindestens sechs Autoren des Buches schreiben parallel auch für Publikationen wie Der Rechte Rand, Antifaschistische Nachrichten, Jungle World, enough is enough oder Graswurzelrevolution, die allesamt von diversen Landesämtern für Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft werden."

Einen Hinweis darauf sucht man jedoch im Wikipedia-Artikel zu Stephan Braun immer noch vergebens, den "Bewachern" sei Dank. Denn, so einer dieser Hartnäckigen quasi verschwörungstheoretisch, "da es offenbar Teil der JF-Kampagne ist, ist es mehr als seriös, wenn wir erst einmal abwarten, was von den Darstellungen im Focus in den nächsten Tagen übrigbleiben wird".

Soviel Vertrauen in die Seriosität der Internet-Enzyklopädie hat ein anderer Diskussionsteilnehmer offensichtlich nicht mehr. Obwohl niemand bestreiten könne, "daß es von erheblicher enzyklopädischer Bedeutung ist, eine an reputabler Stelle veröffentlichte kritische Zusammenfassung zu dem besagten Buch an passender Stelle zu erwähnen", gelte nur noch: "Lobhudelei rein, Kritik raus: das ist die Wikipedia im Dezember 2007".

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