Deutschlands Mütter unter der Lupe

Die Nordseezeitung veröffentlicht wie viele Regionalzeitungen jeden Freitag die Bilder der neugeborenen Säuglinge aus Bremerhaven. Wer sich die Zwerge im Laufe der Jahre anschaut, konnte den Aufstieg und Fall von Namen wie Kevin oder Vanessa mitverfolgen – und natürlich die scheinbar unaufhaltsame Zunahme des Anteils der Achmeds oder Ayses unter allen Neugeborenen. Ebenso wie den allgemeinen Rückgang der Geburtenrate.

Wir wissen inzwischen recht viel über den Geburtenmangel, über starke und schwache Regionen oder über den umstrittenen Zusammenhang zwischen der Zahl der verfügbaren Kita-Plätze einerseits und der Zahl der Geburten andererseits.

Aber was wissen wir schon über die Mütter? In welchem Alter bekommen sie ihr erstes Kind, wann ihr zweites? Welche Ost-West-Unterschiede gibt es? Und: Wie viele Frauen bleiben (wahrscheinlich) ganz ohne Kinder? Das Statistische Bundesamt hat versucht, mehrere "Informationslücken" zu schließen und für eine Studie 12.500 Frauen zwischen 16 und 75 befragt.

Ergebnis 1: Frauen kriegen Kinder immer später. Eine Frau, die zwischen 1931 und 1936 geboren wurde, bekam ihr erstes Kind mit 25, ihr zweites mit 28 und ihr drittes mit 30 Jahren. Zunächst sank das Durchschnittsalter: Frauen, die etwa zehn Jahre jünger sind, bekamen die Kinder mit 23, 26 und 28 Jahren. Doch dann begann das Durchschnittsalter zu steigen: Bei den zwischen 1962 und 1966 geborenen Frauen lag es bei 26, 29 und 32 Jahren.

Ergebnis 2: Mütter in den neuen Ländern sind jünger als Mütter im Westen. Die Ost-Mutti fängt einfach früher mit dem Kinderkriegen an. Besonders extrem fällt dies in den Altersjahrgängen 1952 bis 1971 auf. Wenn die Mutter im Westen ihr erstes Kind bekam, war sie in der Regel vier Jahre älter als die Durchschnittsfrau aus der DDR bei ihrem ersten Kind. Die Wiedervereinigung hat diesen Unterschied rasant beseitigt. West und Ost treffen sich bei etwa 26 Jahren.

Keine Motivforschung

Ergebnis 3: Die Kinderlosigkeit gerade bei Akademikerinnen nimmt zu – nicht dramatisch, aber spürbar. 22 Prozent aller Frauen der Geburtsjahrgänge 1957 bis 1971 sind kinderlos (im Westen gar 24 Prozent). Theoretisch können viele von ihnen noch Mutter werden, aber ob sie das auch wollen? Nur ein Teil wird mit 40 und mehr Jahren noch Mutter. Bei den darauffolgenden Geburtsjahrgängen sieht es noch drastischer aus: Vierzig Prozent sind ganz ohne Kinder. Bei ihnen besteht jedoch noch "Hoffnung".

Mit der hohen Kinderlosigkeit erfolgreicher Frauen steht Deutschland nicht alleine da. Ähnliche Werte hat Bettina Sommer, Referatsleiterin für Volkszählung und Bevölkerungsentwicklung, in Ländern wie Finnland, Schweiz und den Niederlanden ermittelt. Allerdings wiegeln die Statistiker ab: Die Relevanz der "kinderlosen Akademikerin" wird überschätzt. Da es nur recht wenige Akademikerinnen gibt, bleibt die erhöhte Kinderlosigkeit dieser Frauen ohne durchschlagende Wirkung auf das Gesamtergebnis.

Ausgeglichen wird die steigende Kinderlosigkeit erfolgreicher Frauen ja zudem durch die höhere Gebärfreudigkeit "einfacher" Frauen. Die bekommen übrigens ihre Kinder auch immer öfter außerhalb der traditionellen Ehe (insgesamt 30 Prozent).

Gerade auf den Zusammenhang mit Sozialleistungen konzentrierte sich das Interesse der Journalisten bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Berlin. "Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Elterngeld und Ihren Ergebnissen?" lautete eine Frage. Sabine Bechtold, die Leiterin der Abteilung "Bevölkerung, Bildung, Staat" beim Statistischen Bundesamt, mußte jedoch abwiegeln. Schließlich war die Studie nicht darauf angelegt, "Motivforschung" zu betreiben. Ob wirklich jemand Kinder kriegt, weil der Staat seine Wohlsfahrtsleistungen erhöht, dem müßten Sozialwissenschaftler einmal nachgehen.

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