Das „C“ als Markenkern

Auf ihrem Bundesparteitag in Hannover hat sich die CDU in der vergangenen Woche als „Partei der Mitte“ in Stellung gebracht. Doch deckt sich diese Kursbestimmung auch mit den Vorstellungen der Parteimitglieder? Fast 80 Prozent aller CDU-Mitglieder sprechen sich für das christliche Welt- und Menschenbild als alleinige Grundlage für politisches Handeln aus. Sogar 85 Prozent lehnen es ab, in der Programmatik dem Zeitgeist hinterherzulaufen, auch wenn dies zum Verlust von Wählerstimmen führt. Fast alle CDU-Mitglieder sprechen sich gegen eine schnelle Aufnahme der Türkei in die EU, für Bundeswehreinsätze in Krisengebieten und das Erlernen der deutschen Sprache für in Deutschland lebende Ausländer aus. Ebenso gibt es eine große Einigkeit in bezug auf die rechtliche Stellung gleichgeschlechtlicher Paare. Hier spricht sich nur eine Minderheit für eine Gleichstellung mit der Ehe aus. Fraglich, ob diese Aussagen tatsächlich alle der politischen Mitte zuzuschreiben sind. Dies sind nur einige Ergebnisse, die die Konrad-Adenauer-Stiftung aufgrund einer Umfrage veröffentlicht hat. Bereits in den Jahren 1977 und 1993 hat die Stiftung Umfragen unter CDU-Mitgliedern durchgeführt. Insgesamt antworteten bei der Befragung 7.307 CDU-Mitglieder aus allen Alterklassen der Partei. In der Studie mit dem Titel „Die Mitglieder der CDU“ wird auch erkennbar, daß die Altersstruktur der CDU-Mitglieder sich verschiebt; der Anteil jüngerer CDU-Mitglieder ist seit der letzten Befragung im Jahr 1993 zurückgegangen, der Anteil der über 60jährigen ist gestiegen. War 1993 etwa ein Drittel der CDU-Mitglieder über 60 Jahre alt, so war es im Jahr 2006 knapp die Hälfte aller Mitglieder. In der CDU sind 45 Prozent ihrer Mitglieder berufstätig, 35 Prozent sind im Ruhestand. 36 Prozent der Mitglieder gehören oder gehörten dem öffentlichen Dienst an. Angestellte und Beamte sind somit in der CDU überrepräsentiert. Deutlich zurückgegangen ist der Arbeiteranteil (von 16 auf 6 Prozent). Beim Bildungsniveau zeigt sich von 1993 bis 2006 ein klarer Trend hin zur Akademisierung. Die Union hat einen hohen Anteil an kirchenverbundenen, katholischen Mitgliedern. Die Katholiken sind in der CDU im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überrepräsentiert. Etwa die Hälfte der CDU-Mitglieder ist katholisch, ein Drittel ist evangelisch, und circa 17 Prozent sind konfessionslos oder gehören einer anderen Religion an. Zudem fühlt sich knapp die Hälfte der CDU-Mitglieder den Kirchen stark verbunden. Dagegen ist die Bindung an die Gewerkschaften verhältnismäßig schwach ausgeprägt. In der Umfrage werden die Parteimitglieder der CDU durch eine Kombination aus Sozialstruktur und politischen Einstellungen in Gruppen zusammengefaßt. So sind die „gesellschaftspolitisch Liberalen“ (17 Prozent aller CDU-Mitglieder) eher pragmatisch in ihrem politischen Denken. Bei ihnen finden sowohl marktliberale als auch sozialstaatlich orientierte Positionen Unterstützung. 26 Prozent aller Mitglieder sind die „Traditionsbewußten“. In der Gruppe der Traditionsbewußten überschneiden sich die marktwirtschaftlichen und die sozialstaatlichen Positionen. Im gesellschaftspolitischen Bereich nehmen sie eine dezidiert konservative Position ein. 58 Prozent bejahen den Gedanken der stärkeren Eigenvorsorge bei der Rente (bei einer staatlichen Mindestrente). Die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Ehepaaren stößt auf deutliche Ablehnung. In dieser Gruppe finden sich die Befürworter der traditionellen Rolle der Frau in der Familie. Die größte Gruppe mit 32 Prozent sind die „Marktwirtschaftsorientierten“. Hier dominieren wirtschaftsliberale Einstellungen, die auf Verantwortung des einzelnen setzen und staatliche Fürsorge ablehnen. 72 Prozent lehnen es ab, daß der Staat jedem das Recht auf einen Arbeitsplatz garantieren soll. Die rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Ehepaaren wird deutlich (von 91 Prozent) abgelehnt. Wie bei den gesellschaftspolitisch Liberalen wird auch bei den Marktwirtschafts­orientierten die Bedeutung der Themen Verbrechensbekämpfung und Ausländerzuzug deutlich geringer eingestuft als bei den Christlich-Sozialen und den Traditionsbewußten. Ein Viertel aller Mitglieder können der Gruppe der „Christlich-Sozialen“ zugeordnet werden. In diesem Milieu finden sich vor allem Befürworter eines sozialstaatlich orientierten Gemeinwesens. Dem traditionellen Familienbild von nicht-berufstätigen Frauen stimmen nur 12 Prozent entschieden zu, von 54 Prozent wird es abgelehnt. Die deutliche Mehrheit der Mitglieder ist der Ansicht, die Partei sollte verstärkt auf Generationengerechtigkeit, Solidarität, Leistungsgerechtigkeit und Gerechtigkeit achten. Integration, Chancengleichheit sowie Toleranz wird von einer eher knappen Mehrheit betont. Insgesamt genießen christliche Werte und Religion aufgrund der starken konfessionellen Gebundenheit einen sehr hohen Stellenwert. Das „C“ könnte man dabei in der Mitgliedschaft mit dem Begriff „Markenkern“ beschreiben. So findet die Aussage, daß das „C“ in der CDU ein Relikt aus alten Zeiten sei, noch nicht einmal bei 20 Prozent der Mitglieder Zustimmung.

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