„Ich nehme es meinem Vater nicht übel“

Siegfried Berger ahnte, was ihn erwartete. Am Abend des 17. Juni 1953 ging er mit der Gewißheit nach Hause, daß seine Verhaftung unmittelbar bevorstand. Gerade hatte sich der Demonstrationszug der Mitarbeiter des Funkwerks Köpenick gegen das SED-Regime aufgelöst. Die mehr als 2.000 Teilnehmer verteilten sich und machten sich auf den Nachhauseweg. Zuvor waren sie von der Volkspolizei mit Schüssen daran gehindert worden, zum Alexanderplatz zu marschieren. 53 Jahre nach dem Volksaufstand in der DDR will der Berliner Bezirk Treptow-Köpenick jetzt eine Straße nach Siegfried Berger benennen (JF 22/06). Denn Berger hatte nicht nur an der Demonstration teilgenommen, er hatte sie mit organisiert und sogar angeführt. Die Demonstranten hatten wie so viele Menschen an diesem Tag in der DDR den Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen und nicht zuletzt die Wiedervereinigung Deutschlands gefordert. Daß ihn die Rache des SED-Regimes und der sowjetischen Besatzer treffen würde, war Berger bewußt. „Am Morgen des 17. Juni forderten mich Mitarbeiter und Kollegen im Funkwerk auf, eine Betriebsversammlung zu leiten, auf der über einen Streik und über eine Demon-stration entschieden werden sollte“, berichtete der 2002 verstorbene Berger Jahrzehnte später in einem autobiographischen Bericht über die Ereignisse dieses Tages. Berger war damals Mitglied der West-Berliner SPD und stand mit dem Ostbüro der Partei in Kontakt, die in Mitteldeutschland 1946 im Zuge der Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED aufgelöst worden war. Seine Kollegen stimmten mehrheitlich für den Streik und zogen unter seiner Führung in Richtung Innenstadt. Drei Tage nach der Demonstration wurde Berger verhaftet. Von einer auf die andere Minute verschwand er aus dem Leben seiner Familie. „Erst nach einem Jahr erhielt meine Mutter einen Brief von ihm, aus Workuta“, berichtet sein 1944 geborener Sohn Falk der JUNGEN FREIHEIT. Siegfried Berger war von einem sowjetischen Militärtribunal zu sieben Jahren Arbeitslager verurteilt worden und nach Workuta in der Sowjetunion deportiert worden. Seine Familie erfuhr von all dem nichts. Der Brief war nach einem Jahr das erste Lebenszeichen. Für Mutter und Sohn hatte sich zu diesem Zeitpunkt das Leben bereits radikal verändert. „Meine Mutter mußte sich Arbeit suchen, um uns über die Runden zu bringen“, erzählt Berger. Auch die Nachbarn hätten die Familie unterstützt. In der Schule lief es für den Jungen indes nicht so gut. „In der Schule bin ich von einer Lehrerin gemobbt worden.“ Daß sein Vater ein „Staatsfeind“ war, hatte längst die Runde gemacht. Im Oktober 1955 wurde das Leben der Familie Berger erneut auf eine andere Bahn gelenkt. Siegfried Berger wurde vorzeitig freigelassen. Im Zuge der Verhandlungen von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau um die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen durfte auch Siegfried Berger in die Heimat zurückkehren. Er kehrte nicht nach Ost-Berlin zurück, sondern ging in den Westen. Die Familie folgte dem Rückkehrer. Mit der S-Bahn fuhr Falk Berger mit seinem Bruder und seiner Mutter in den Westteil der Stadt. Doch Verhaftung und Lagerhaft hatten ihre Spuren hinterlassen. Nichts war mehr so wie vor dem 17. Juni 1953 „Die Ehe meiner Eltern ging in die Brüche“, erzählt Berger, der bei seiner Mutter aufwuchs. „Es ist gut, daß ihm jetzt diese Ehre zuteil wird“, sagt der Sohn über die geplante Straßenumbenennung, von der er aus der JUNGEN FREIHEIT erfahren hat. Schließlich sei es von seinem Vater mutig gewesen, sich an die Spitze der Demonstration zu stellen, obwohl er am Morgen des 17. Juni bereits die sowjetischen Panzer gesehen hatte und obwohl zu Hause Frau und Kinder auf ihn warteten. Aber ohne die Bereitschaft Opfer zu bringen, gebe es keine Freiheit, sagt sein Sohn. „Nein, ich nehme es meinem Vater nicht übel.“

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