Joachim Kuhs

 

Gefallene in Pappkartons

In einer Halle liegen 4.000 Kisten mit verstorbenen Deutschen“, meldete Mitte März die tschechische Tageszeitung Mladá Fronta Dnes. Andere Zeitungen zogen nach, der ehemalige tschechische Diplomat Václav Bartuska sprach gar von einer „Schande für Deutschland“. Selbst Präsident Václav Klaus schaltete sich ein. Er schrieb an seine rechtsliberalen ODS-Parteifreunde, die Bürgermeister von Prag (Pavel Bém) und Aussig (Petr Gandalovic) sowie an die verantwortlichen Minister für regionale Entwicklung, Radko Martínek (Sozialdemokraten/CSSD), und für Verteidigung, Karel Kühnl (Liberale/US-DEU), sie müßten das Problem schnellstens lösen. Anlaß der ganzen Aufregung war, daß die tschechische Polizei in einer alten Werkhalle im nordböhmischen Aussig (Ústí nad Labem) die seit drei Jahren in Behältern gestapelten Gebeine von 4.300 mutmaßlichen Wehrmachtssoldaten, die 1945 auf tschechischem Gebiet umgekommen waren, aufgefunden hatte (JF 14/06). Bundesregierung wurde vergeblich um Hilfe gebeten Am 22. März titelte dann die Bild: „Skandal – 61 Jahre nach Kriegsende 4.000 deutsche Soldaten in Papp-Kartons“. Und in den folgenden Tagen standen die Telefone der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) nicht mehr still – viele wollten wissen, was ist da los? „Wir sind dankbar, daß die Medien das Thema aufgegriffen haben. Denn die Geschichte dieser Toten ist in der Tat eine traurige Angelegenheit“, erklärte VDK-Präsident Reinhard Führer. Aber die meisten Berichte seien leider nur oberflächlich gewesen. „Auch an einigen anderen Orten, wie etwa in der Russischen Föderation, befinden sich noch Kriegstote in solchen Aufbewahrungsstätten. Es wird immer wieder notwendig“, erläuterte Führer. Die deutschen Kriegstoten sollten ursprünglich auf dem ehemaligen Deutschen Evangelischen Friedhof in Prag-Straschnitz (Strasnice) beigesetzt werden. Dies und die Errichtung eines entsprechenden Gedenksteins scheiterte jedoch an „Einwänden“ des tschechischen Denkmalschutzes und finanziellen Hürden. Die Bundesregierung wurde vergeblich für dieses Projekt um Hilfe gebeten. „Über 2,5 Millionen Euro allein für diese Anlage auszugeben hätte bedeutet, viele andere wichtige Bauprojekte – insbesondere in Rußland – stoppen zu müssen“, meinte der Volksbund-Präsident. Der VDK habe keine andere Wahl gehabt, als die Toten in Aussig zunächst zwischenzulagern. „Eine solche Unterbringung der Gebeine ist würdiger als ihre Freigabe zur Plünderung“, erklärte Führer. Denn manche Kriegsfundstücke würden sogar weltweit über das Internet gehandelt. Nach Verhandlungen zwischen der Stadtverwaltung von Aussig, dem VDK sowie anderen deutschen und tschechischen Stellen wurde letzte Woche ein vorläufiger Kompromiß gefunden: Die Gebeine der Kriegstoten sollen alsbald von der Aussiger Werkshalle in ein bewachtes Gelände der tschechischen Armee überführt werden. Die Bemühungen um eine endgültige Ruhestätte gestalten sich indes weiter schwierig. Denn unter den Toten sollen sich auch ermordete deutsche Zivilpersonen und möglicherweise Waffen-SS-Soldaten befinden. Im Gespräch ist dabei derzeit der Soldatenfriedhof im nordwestböhmischen Kurort Marienbad (Mariánské Lázné), wo die deutschen Toten aber frühestens in zwei Jahren beigesetzt werden könnten. Laut VDK entstanden seit 1991 in der Tschechei – in Zusammenarbeit mit der Prager Firma Pargent – zehn Soldatenfriedhöfe. Nach Aussagen von Pargent-Chef Bedrich Martinic beendete die Firma 2005 aber die Zusammenarbeit mit dem VDK. Deshalb hat der Volksbund der tschechischen Regierung einen Vertragsentwurf vorgelegt, in dem die Voraussetzungen für eine künftige Zusammenarbeit geregelt werden sollen. Prag ist jedoch nicht bereit, in den Vertrag auch die deutschen Vertreibungsopfer mit einzubeziehen. Bislang konnte keine Einigung erzielt werden. Durch ein Versäumnis des Berliner Auswärtigen Amtes ist zudem seit 2000 für eine Soldatengrabstätte keine Miete mehr bezahlt worden. Letztes Jahr wurde daher die Anlage in Prag-Motol zur anderweitigen Verwendung vorbereitet. Die Gebeine der Toten in Aussig – wo 1945 ein Massaker an Sudetendeutschen stattfand – sind im Laufe der vergangenen drei Jahre übrigens mehrfach von Grabräubern geschändet worden. Ihnen wurden die Gebisse herausgerissen, die Uniformknöpfe abgeschnitten oder die Erkennungsmarken entwendet, um das Diebesgut dann an entsprechende Händler zu verkaufen. Dies beklagte auch der Direktor des Stadtarchivs in Aussig, Vladimír Kaiser. Die Identifizierung der einzelnen Soldaten wird dadurch noch schwieriger. Die Pappkartons mit den Toten werden seit März daher von Polizisten mit Hundestaffeln bewacht. Mehrere tschechische Politiker erklärten inzwischen sogar, daß man tschechischerseits 40 bis 60 Millionen Kronen (etwa 1,4 bis 2,1 Millionen Euro) zur Errichtung einer gemeinsamen tschechisch-deutschen Grabstätte zur Verfügung stellen könnte. Der Chef der Kommunisten (KSCM) in Aussig, Pavel Vodsedálek, meinte hingegen, daß die tschechische Seite den Deutschen kein Geld für ihre Toten zusichern sollte, denn der VDK habe in den neunziger Jahren auf tschechischem Territorium deutsche Soldaten exhumiert, statt sich um die existierenden Gräber zu kümmern, so Vodsedálek. „Eines steht fest – die Kriegstoten von Prag werden eine würdige Ruhestätte bekommen“, ist VDK-Chef Führer dennoch überzeugt. „Ich hoffe, daß unsere Mitglieder und Spender uns treu bleiben und die Bundesregierung den Volksbund trotz der schwierigen Lage des Bundeshaushaltes künftig besser finanziell unterstützen kann.“ Weitere Informationen: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Werner-Hilpert-Straße 2, 34112 Kassel, Telefon: 05 61 / 70 09-139, Internet: www.volksbund.de Foto: Teil der Behälter mit den Gebeinen von 4.300 Deutschen in Aussig: „Immer wieder notwendig“

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