Joachim Kuhs

 

Sturm im virtuellen Wasserglas

Die Internetplattform „Democracy Online Today“ (dol2day) war im Prinzip bislang einer von vielen Online-Orten. Wie der Name sagt, soll dort „Demokratie“ simuliert werden – ein schwieriges Unterfangen. Mittlerweile tummeln sich etwa 35.000 Nutzer, sogenannte „Doler“, auf der Plattform. Sie sind entweder in einer der 29 virtuellen Parteien oder im „Volk“ aktiv. Alle vier Monate wird ein „Internetkanzler“ gewählt, der einer virtuellen „Internetregierung“ vorsteht. Bislang fand diese Parallelwelt öffentlich eher wenig Beachtung – bis die reale Politik glaubte, in der bereits im Jahre 2000 von einigen Aachener Studenten gegründeten Politikplattform ein geeignetes Projekt gefunden zu haben, um sich ein fortschrittsfreundlicheres Gesicht zu geben. Als dol2day einer Einladung des Bundesjugendrings zu einem Jugendpolitik-Festival nach Berlin folgte (JF 25/05), ließ es sich Bundesjugendministerin Renate Schmidt (SPD), begleitet von einem Pulk Fotografen und Journalisten, nicht nehmen, auch dem Stand von dol2day einen kleinen Besuch abzustatten. Dort gratulierte sie dem frischgewählten 18. „Internetkanzler“ Alexander Bagus. Anhänger des linken Spektrums als Anheizer Bei dol2day ist der 21 Jahre alte Bayer, im realen Leben liberal-konservatives CSU-Mitglied, in der Konservativen Deutschen Partei (KDP) aktiv. Außerdem, das fanden findige Welt-Journalisten schnell heraus, veröffentlichte Bagus bereits Artikel in der JUNGEN FREIHEIT. Damit wurde der Staatssekretär im Bundesjugendministerium, Peter Ruhenstroth-Bauer, konfrontiert, der pflichtschuldigst erklärte, man dürfe „dafür“ natürlich keinen Raum anbieten. Seine Amtschefin Schmidt sprach derweil Sätze wie: „Es geht mir darum, daß sich junge Menschen überhaupt einmischen und selbst handeln“ in die Diktiergeräte der Journalisten. Dol-intern trat der Staatssekretär mit seiner Erklärung allerdings eine Kampagne gegen Bagus los, der immerhin von den Online-Ablegern der Unionsparteien unterstützt wird. Als Anheizer betätigten sich vor allem die Anhänger des unterlegenen, linken Dol-Spektrums. „Das überrascht mich kaum“, sagte Bagus im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT. „Wieso sollte es im virtuellen Raum anders zugehen als im realen Leben? Vielleicht gewöhnt sich unser Land über diesen Umweg schon mal an einen konservativen Kanzler“, vermutet Bagus. Entgegen den Vorwürfen der Linken sieht er sich durchaus als Liberalen. „Wieso sollen sich eine Tätigkeit für die JF und ein liberaler politischer Standpunkt gegenseitig ausschließen?“ Für Bagus, der sich gleichzeitig über die „überwältigende Unterstützung“ freut, die ihm zuteil wurde, gleicht die Kampagne ohnehin eher einem „Sturm im Wasserglas“. In der Tat hatte es in der Vergangenheit weitaus größere Anlässe zum Protest bei dol2day gegeben als die Wahl eines nichtlinken „Internetkanzlers“. So wurden dort inzwischen gleich zwei dezidiert rechte Internetparteien einfach „gelöscht“ – unter heftigem Applaus der Linken, versteht sich. Aber nach wie vor existiert dort eine „Kommunistische Partei“ (KP), deren Vorstand sich als „Politbüro“ bezeichnet. Auch daß einer der Vorgänger von Alexander Bagus im Amt des Kanzlers, Erkan Dinar, für die „Kernsozialistische Partei“ (KSP) der Dol-Gemeinschaft vorstand, wurde medial nicht kritisiert. Daß Dinar Mitglied der PDS-nahen Jugendorganisation „Solid“ sowie der Partei selbst ist, wurde nicht zum Anlaß irgendwelcher Kampagnen genommen. Selbstredend wurde Dinar auch durch die Dol-KP unterstützt. Mit ausgewiesenen Linksextremisten geht man also nicht nur im realen Leben weitaus herzlicher um. Das weiß auch Bagus, der sich über seine Vorgänger allerdings nicht äußern möchte. Das gebiete eine „gewisse Form des Anstands und der Haltung“, sagt er. Ob das seine linken Vorgänger ebenfalls so sehen würden? Bagus zuckt mit den Schultern. Virtuell kochen Stimmungen nun einmal schnell hoch und kühlen genauso schnell wieder ab. Mauerblümchen avancieren vor dem heimischen Rechner zu Demagogen, brave SPD-Genossen finden sich plötzlich in kommunistischen Hardcore-Zirkeln wieder. Rechte, die sich aus Isolationsfurcht im realen Leben nicht einmal ihrer Familie offenbaren, schreiben im Schutze des Netzes seitenlange Traktate. Mittlerweile haben auch Psychologen das Netz als Forschungsgegenstand entdeckt. Demnach seien besonders „Alleinstehende und Arbeitlose sowie Personen mit einer unsicher-unreif-gehemmten Persönlichkeitsstruktur, sowie andererseits selbstverliebte Individuen mit sadistischen Impulsen“ gefährdet, süchtig zu werden, so der Neurologe und Facharzt für Psychiatrie, Hans Zimmerl. Dol2day macht die Online-Zeiten der einzelnen Nutzer sichtbar. Nicht selten hängen besonders engagierte „Doler“ weit über 20 Stunden am Stück im virtuellen politischen Schlagabtausch. „Man darf bei aller Ernsthaftigkeit nie vergessen, daß dol2day lediglich eine virtuelle Simulation ist – und daß das wahre Leben da draußen stattfindet“, sagt Bagus. „Im Sommer sollte einem der Gang zum Baggersee oder zum Eis-essen näherliegen als die tageserfüllende Debatte bei dol2day. Das würde auch die Gemüter etwas mehr abkühlen und mehr Sachlichkeit wieder einkehren lassen“. Vor allem die „Normalität“ ist Bagus wichtig: „Wieso soll es keinen rechten Kanzler geben dürfen? Wo ist das Problem?“ Die auf den ersten Blick naiv klingende Frage birgt jedoch durchaus Sprengstoff. Bagus will in dol2day vormachen, daß es funktionieren kann. Mit einer baldigen Einladung ins reale Kanzleramt nach Berlin rechnet der konservative Internetkanzler jedoch nicht. Er könnte aber zumindest mal an der Tür klopfen und rufen: „Ich will hier rein“. Beim derzeitigen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat es ja bekanntlich funktioniert. Die deutschsprachige Politiksimulation „Democracy Online Today“ im Internet unter: www.dol2day.com

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