Joachim Kuhs

 

Multikulturalität ist nichts als ein Mythos

Ende der Idylle", "Ein Mythos bricht zusammen", lauteten die Schlagzeilen über die "Rassenkrawalle" im fernen Sydney. Das erfolgreiche tolerante Einwanderungsland hat Kratzer bekommen. Eine Überraschung war es jedoch nicht. Viele Zeichen deuteten seit Jahren darauf hin, daß die multikulturelle Idylle down under nur eine bröckelnde Fassade war, die vor allem seit der breiten Unterstützung der USA im "War against Terror" kaum noch aufrechtzuerhalten ist.

Seit den Bombenanschlägen auf die indonesische Ferieninsel Bali vom 12. Oktober 2002 und auf die australische Botschaft in Jakarta vom 9. September 2004 liegen in Australien die Nerven blank, wenn es um Islamisten und Araber geht. Entsprechend hoch schlugen die Wellen, als die australische Polizei Anfang November bei Razzien in Sydneys und Melbournes Vorstädten mit ihrem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil 16 islamistische Terrorverdächtige festnahm, die mutmaßlich ein Atomkraftwerk angreifen wollten.

Australien ist im Terrorfieber, und so schrieb die Berliner taz im November: "Das Radio gleicht einem Kochtopf, aus dem eine braune Sauce aus Ignoranz, Intoleranz und Rassismus quillt. Hörer fordern die Todesstrafe für die Verhafteten, die Ausweisung aller Muslime, und die erzkonservativen Radiomoderatoren sehen ihre Vorurteile bestätigt: die australische Multikulturalität ist eben doch nichts anderes als ein Mythos." Vier Wochen später wird ebendiese Frage in Australien heftigst diskutiert.

Es war kein Tag wie jeder andere am Cronulla Beach im Süden Sydneys. Ethnische Spannungen zwischen Bewohnern europäischen Ursprungs und libanesischstämmigen Australiern gab es dort schon seit geraumer Zeit. Der Kampf der völlig unterschiedlichen (Bade-)Kulturen wurde auf hohem Niveau geführt. Vor allem der westlich-freizügige Way of Life ist vielen jungen muslimischen Libanesen ein Dorn im Auge. Pöbeleien und sexuelle Belästigung häuften sich. Rangeleien und Schlägereien waren keine Seltenheit.

Eher von lokaler Bedeutung, waren sie keine Schlagzeilen wert. Die machten da schon eher die – meist weißen – Surfer, die so manchen Strand Sydneys als ihr Eigentum betrachten. Etwa die "Bra Boys"-Gang, die es auch gern einmal krachen läßt und wie am 24. Dezember 2002 schnell einmal Dutzende von Polizeischülern verprügelt.

"Unser Strand gehört uns", lautete dann auch die Parole am Sonntag, den 11. Dezember in Cronulla. Wieder einmal hatte es Tage zuvor die bekannten Spannungen zwischen den Ethnien gegeben. Die "Libanesen" hätten gar einen Strandabschnitt für sich reklamiert, wurde vermeldet. Rettungsschwimmer suchten die Ordnung wiederherzustellen und wurden von libanesischstämmigen "Aussies" zusammengeschlagen. Das anti- libanesische Schimpfwort "bloody Lebs" soll zuvor gefallen sein, berichtete Nor-thern Territory News.

Was als friedliche Demonstration geplant war, um den Unmut über die jahrelangen sozialen Mißstände zum Ausdruck zu bringen, endete im Chaos. Um die 5.000 Personen machten sich auf den Weg nach Cronulla, und ein per SMS-Ruf wohl organisierter anglo-australischer Mob Hunderter betrunkener Surfer, Hooligans und Skinheads machte schließlich unter dem Motto "Australien schlägt zurück – Lebs go home" gegen alles mobil, was libanesisch erschien.

Tags darauf machten dann die "Libanesen" in ihren Hochburgen Jagd auf Weiße. Kirchen und Autos gingen in Flammen auf, und der australische Traum des harmonischen Multikulturalismus zerrann im "Rassenkampf". Ergebnis: Der australische Regierungschef John Howard rief zur Toleranz auf.

Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und Erscheinung anzugreifen, sei "völlig inakzeptabel", erklärte er. Islamische Würdenträger kritisierten den tief in der "australischen Psyche" verankerten Rassismus und warnten vor einer Radikalisierung der jungen "Libanesen". Die rechte Partei Australia First feierte die "wirkungsvolle Demonstration der Solidarität mit den Opfern antiaustralischen Rassenhasses".

Und die Rädelsführer schoben ihre Gewaltbereitschaft dem Alkohol zu. Keinesfalls sei man rassistisch, ließ man verlauten und traf sich medienwirksam zur Versöhnungsgeste mit den "Gangleaders" der "Libanesen". Der Strand sei für jeden nutzbar, sofern er Respekt zeige und Rücksicht nehme, erklärte der Sprecher der Cronulla Boardriders Association, womit er den Finger in die schwelende Wunde legte.

Um die 71.000 "Libanesen" (210.000 Muslime insgesamt) leben in Australien, davon ein Großteil in Sydney. Dort leben sie massiert im Westen und Südwesten Sydneys – zumeist in Problemvierteln, mit all den bekannten negativen Begleiterscheinungen. Denn während sich die Maroniten und christlichen Libanesen, die bis Mitte der siebziger Jahre einwanderten, schnell integrierten, gelang dies den seit den Achtzigern zugewanderten Muslimen nicht.

Im Gegenteil. Überall sind die typischen Merkmale einer Ghettokultur zu finden. Als solche benannte Keith Wind-shuttle, Autor des Buches "The White Australia Policy", in The Australian "Gewalt gegen andere, sexuelle Verantwortungslosigkeit, eine nicht abgeschlossene Schulbildung, unterdurchschnittliches Ausdrucksvermögen, Überempfindlichkeit gegenüber Anzeichen mangelnden Respekts und eine unverantwortliche Einstellung zur Arbeit".

Diese jungen Männer haben einen kurzen Weg zum Cronulla Beach, und es bedarf nur eines geringfügigen Anlasses, damit sich das Gewaltventil erneut öffnet. Zwar reagierte die Regierung im Bundesstaat New South Wales sofort. Sie erhöhte die Strafen für Randalierer, erweiterte die Befugnisse der Polizei und deeskalierte die Situation, indem sie am folgenden Wochenende alle Zufahrtsstraßen zum Strand kontrollieren ließ.

Doch auf die Dauer ist die Polizeipräsenz kaum durchzuhalten. Die bierseligen Weihnachts- und Silvesterfeiern stehen bevor, und der Kampf um die Hoheit über das Strandleben könnte in die nächste Runde gehen.

Foto: Auseinandersetzung zwischen Weißen und Libanesen: Auch Kirchen und Autos gingen in Flammen auf

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