Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Moderner, mitfühlender Konservatismus

Daß Großbritanniens Konservative Partei eine Modernisierung nötig hat, ist offensichtlich. Seit Tony Blairs triumphalem Labour-Sieg im Jahr 1997 folgte ein vernichtendes Wahlergebnis dem anderen. Nach drei Tory-Führungs- und mindestens ebenso vielen Richtungswechseln blieben nur erbärmliche Wiederbelebungsversuche. Ein verstaubtes Image und interne Uneinigkeit machten die Tories auch für viele traditionell konservative Wähler inakzeptabel. „Der neue Parteiführer wird eine klar definierte Aufgabe haben: das Vertrauen und den Respekt des britischen Volkes für unsere Partei zurückzugewinnen“, erklärte Michael Howard in seiner Abschiedsrede Anfang Oktober. Von den insgesamt vier Anwärtern auf das Amt des neuen Tory-Parteiführers schieden zwei schon in der Abstimmung unter den 198 Tory-Unterhausabgeordneten aus. Übrig blieben David Cameron und David Davis. Die beiden touren nun im Kampf um die Stimmen der etwa 300.000 Parteimitglieder durch Großbritannien. Am 6. Dezember wird das Ergebnis der parteiinternen Wahl bekanntgegeben. Großbritannien ist gespannt, geht es doch möglicherweise um den nächsten Premierminister. Alles spricht für den Aufsteiger David Cameron. Erst 39, läßt er sich gerne dabei fotografieren, wie er umweltbewußt auf einem Mountainbike durch Londons Straßen flitzt. Cameron ist „cool“, Cameron hat Charisma, Cameron ist unkonventionell – heißt es. Nicht einmal der Verdacht, daß er noch vor wenigen Jahren Kokain konsumiert habe, kratzt an seiner Popularität. Der einstige Eliteschüler und Oxford-Absolvent war schon 1992 Sonderberater von Tory-Finanzminister Norman Lamont und 1993 des damaligen Innenministers Michael Howard. Nach einigen Jahren Karriere als PR-Manager für einen Medienkonzern wurde er 2001 als Abgeordneter für das südenglische Witney ins Unterhaus gewählt. Camerons Förderer, Tory-Führer Michael Howard, beauftragte ihn mit der Formulierung des Parteiprogramms für die diesjährigen Wahlen und ernannte ihn schließlich zum Minister für Unterricht und Bildung in seinem Schattenkabinett. Cameron hat dasselbe Gewinnerlächeln, das einst Tony Blair den Sieg gebracht hatte. Nicht umsonst nennen ihn seine Kritiker abschätzig „Tory Blair“. Doch nicht nur die optimistische Ausstrahlung erinnert an den erfolgreichen Erneuerer der Labour-Partei. Hatte in den Neunzigern Blairs Schachzug des Rechtsrucks für Labour funktioniert, so versucht nun Cameron den Linksruck für die Tories. Einen „modernen, mitfühlenden Konservatismus“ will er durchsetzen und gewinnt damit die Liberal-Konservativen Südenglands und Londons. David Davis dagegen ist der harte Kämpfer aus der Arbeitersiedlung, mit gebrochenem Nasenbein und Lebenserfahrung – ein untypischer Tory. Er diente freiwillig beim Special Air Service, um sich sein Studium zu finanzieren. Anschließend arbeitete er sich in 17 Jahren zur Management-Ebene eines Chemie-Konzerns hoch. 1987 zog er als Tory-Abgeordneter für Boothferry (Yorkshire) ins Parlament. Er wurde Kabinettminister für den Öffentlichen Dienst, später Minister im Außenministerium und zuletzt war er Schatten-Innenminister. Für seine „rechtsextremen“ Ansichten berüchtigt, hofft Davis durch seine Nähe zu den weniger bemittelten Gesellschaftsschichten das Partei-Image des „Clubs der Reichen“ loszuwerden und die Konservativen auch für die britische Arbeiterklasse attraktiver zu machen. Er zählt vor allem auf Unterstützung in den Städten Nordenglands – angesichts der jüngsten Rassenunruhen in Birmingham kein völlig aussichtsloses Unterfangen. Mit Camerons Ausstrahlung kann es Davis nicht aufnehmen. Statt dessen versucht er, mit dem Argument der Erfahrung gegen den unerfahrenen Cameron zu punkten und mit einer konkreten politischen Strategie die reine Imagekampagne seines Gegners zu entkräften. Dieser will sich auf einen konkreten politischen Maßnahmenkatalog noch nicht einlassen. Cameron spricht generell von niedrigeren Steuern, stabilen Familien, zeigt sich EU-skeptisch, dafür US-freundlich und befürwortet deutlich Washingtons Irak-Politik. Ansonsten reißt Cameron sein Publikum lieber mit Optimismus und kernigen Sprüchen vom Hocker. Frech nennt er Schatzkanzler Gordon Brown „the great roadblock“, seine parteiinternen Gegner seien „bemitleidenswert“. Sie redeten „Unsinn“, ein „moderner, mitfühlender Konservatismus“ sei der einzig richtige Weg, „dann kann uns nichts und niemand aufhalten“. Schon jetzt verursacht Cameron Unruhe auch in Labour-Kreisen. Gordon Brown, bisher als Blairs selbstverständlicher Nachfolger gehandelt, wirkt neben dem sympathischen Cameron alt und mürrisch. Spekulationen über einen möglichen jüngeren Labour-Führer wurden bereits geäußert. Gleichzeitig laufen Vorbereitungen für eine Schmutz-Kampagne, die laut Aussagen von Labour-Strategen Cameron im Falle seines Sieges als „feinen Pinkel“ bloßstellen soll, der seine „rechtsextremen Ansichten“ hinter „geschickter Rhetorik“ verstecke. Auch innerhalb der alteingesessenen Garde der Tories macht sich Cameron Feinde, die sich dem jungen Reformer im Falle seines Sieges sicherlich nicht anstandslos unterordnen werden. Der ehemalige Tory-Minister Michael Portillo deutete in der Sunday Times einen bevorstehenden Umbruch innerhalb der Partei im Falle eines Sieges Camerons an. Ähnlich wie Blair die Labour-Partei erneuerte, müsse auch Cameron „Blut fließen lassen“. Im Klartext hieße das, unpopuläre Minister rasch und brutal loszuwerden. Ob David Cameron nun der langersehnte Erneuerer der Tories wird, oder ob er sich tatsächlich nur als Blender entpuppt: Tatsache ist, daß sein Charme die britischen Konservativen mit Schwung aus der Versenkung zu holen verspricht. Die Buchmacher jedenfalls bieten neuerdings Wetten um die Höhe seines Sieges in Prozentpunkten an. Denn Camerons Sieg an sich scheint derzeit schon so sicher, daß er gar keine Wette mehr wert ist. David Cameron (Foto), David Davis (Foto)

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