Jenseits der Chimäre der Einzigartigkeiten

Im Leben entscheidet der Inhalt, nicht die Verpackung. Was tatsächlich geschieht, zählt – nicht, wie elegant ich etwas nenne: ob „Kernkraft“ oder „Atomenergie“, „Nachrüstung“ oder „Aufrüstung“, „Umsiedlung“ oder „Vertreibung“. Allerdings sind Worte nicht belanglos – mit falschen, verlogenen Worten kann man Menschen ziemlich häufig und ziemlich lange betrügen. Nur lassen sich, wie schon Abraham Lincoln wußte, zwar alle Menschen manchmal, aber nicht alle Menschen immer hinters Licht führen. Ein Wort, mit dem extremer Mißbrauch getrieben wurde, ist der Begriff „Art“. Eigentlich bezeichnet er nur eine Ordnungskategorie, aber er wurde dazu benutzt, um die einen auszugrenzen als „abartig“, „entartet“ beziehungsweise „aus der Art geschlagen“ und um die anderen hochzuschwindeln zu einzigartigen Best- und Übermenschen. Ideologen, die zu faul und zu unfähig zu eigenständigem Denken und zu ernsthafter Forschung waren, entwarfen in einer Grauzone zwischen Wahnvorstellung, Dummheit und Bierzeltpolitik die Theorien der einzigartigen Arier-Rasse. Spätestens der Kriegsausgang stellte diese mörderischen Träume als Schäume bloß. Jahre nach den Massakern begannen andere Ideologen, das Leid der Opfer von Mordphantasien und Mordaktionen dazu zu benutzen, um die Einzigartigkeit eines Massenmordes zu behaupten, der doch auch ein Glied ist in einer Kette von Völker- und Massenmorden, deren blutige Spur sich durch die Jahrhunderte zieht. Die Ausrottung von Millionen Indianern, von anderthalb Millionen Armeniern, von mehreren Millionen angeblichen Volksfeinden unter Stalin, die Vertreibungsverbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts – all das wurde und wird abgeleugnet oder herabrelativiert zur historischen Fußnote. Gleichzeitig wurden die hundsgemeinen KZ-Mörder in eine unbegreifliche Außergewöhnlichkeit gesteigert und durch eine Leer- und Schwindelformel den Opfern ihr reales Leiden geraubt. Statt reale Ursachen realer Morde im historischen Zusammenhang zu erkennen und zu bekämpfen, wurde irrational ins Leere gewabert und alle Schuld bei den Deutschen als den Sündenböcken der Weltgemeinschaft abgeladen. Es wird eine geradezu einzigartige Befreiung sein, wenn endlich die ganz gewöhnlichen Menschen guten Willens und klarer Vernunft – Juden und Nichtjuden, Deutsche und alle sonst – jenseits der Chimäre von Einzigartigkeiten beginnen, die Ursachen zukünftiger Morde zu beseitigen und eine Welt ohne Rassenhaß und Vernichtungslager aufzubauen. Rolf Stolz ist Mitbegründer der Grünen und lebt als Publizist in Köln.

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