Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Freudlose Glühwürmchen

Unter dem Motto „Danke, Rote Armee!“ machte sich am 8. Mai in Berlin ein Autokorso auf den Weg, der – angeführt von einem russischen Jeep und einem Pritschenwagen aus dem Zweiten Weltkrieg – den Einmarsch der Sowjettruppen symbolisch nachvollziehen sollte. Höhepunkt war die symbolische Rückbenennung der Straße „Alt-Friedrichsfelde“ in „Straße der Befreiung“. Diese war bereits vor 30 Jahren von der SED umbenannt worden, bevor sie 1992 ihren ursprünglichen Namen zurückerhalten hatte. Umrahmt wurde der Gedenkakt von einer Singegruppe, die in altbewährter Manier das „Lied von der Arbeitereinheitsfront“ (Brecht/Eisler) anstimmte. Seltsam anachronistisch auch das Bild des sich daran anschließenden Frauenchores, dessen Damen vermutlich dasselbe Alter hatten wie der Jahrestag des Kriegsendes. Ausstaffiert mit roten Halstüchern sangen sie bei strahlender Sonne ein siegesgewisses Lied, in dem es hieß „Wir leben heut in anderen Zeiten / Wir sind von den Jungen die Alten / Wir sind noch zum Kämpfen bereit.“ Damit waren sie der Ausrichtung der anderen, vor allem jugendlichen linken Demonstranten dieses Tages durchaus nahe, deren geläufigsten Stereotype die Aufrufe „Der Kampf geht weiter“ und „Kein Frieden mit Deutschland“ waren. Die abstruse Unverhältnismäßigkeit des historischen Mimikrys machte auch folgende Szene deutlich: Während das polizeiliche Verbot einer Kunstaktion mit Bertolt Brechts Tochter Hanne Hiob mit Buhrufen quittiert und die Ordnungsmacht mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt wurde, ließ man sich von dieser doch wie selbstverständlich durch die Stadt eskortieren. Bereits am Vorabend hatte ein von der antinationalen Wochenzeitung Jungle World und der Gruppe „Antifaschistische Aktion“ getragenes linksextremes Bündnis zu einer Politgala geladen, die unter dem höhnischen Motto „Deutschland, Du Opfer!“ stand. Ort des Geschehens war das Areal unter dem Fernsehturm am Alexanderplatz, jener Platz, wo einen Tag später die NPD aufmarschieren und – im wahrsten Wortsinn – auf der Stelle treten sollte (siehe auch Seite 5). Die eigentliche Attraktion des Abends waren die angekündigten Bands, unter ihnen die aus Hamburg stammende bekannte Formation Tocotronic, die mit ihrem Hit „Alles das mag ich – aber hier leben: Nein danke!“ den Tenor der Veranstalter auf den Punkt brachte. Entsprechend freudlos schien auch ein Großteil der jugendlichen, circa tausendköpfigen Besucherschar, die – da viele dunkel gekleidet waren – beinahe wie der berüchtigte „schwarze Block“ anmutete. Passend zum verhangenen Himmel und dem Nieselregen fiel denn auch der Kommentar vom Sänger der Band Kassiopeia aus, nach dessen Worten das Wetter „genauso beschissen“ sei „wie dieses Land“. Gesteigerte Negation der eigenen Nationalität Seitlich von der Bühne sekundierte ein Transparent. Neben dem notorischen Diktum „Deutsche Täter sind keine Opfer“ prangte dort die Forderung: „Deutschland verraten. Kapitalismus abschaffen.“ Zwischen den musikalischen Auftritten warnten verschiedene linke Propagandisten vor der „Umdeutung der Geschichte“, etwa am Beispiel der Neuen Wache, die aus einer ursprünglichen Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus zu einer Gedenkstätte für die Täter mutiert sei. Die eigentliche Dimension des verinnerlichten Schuldkomplexes demonstrierte folgende Äußerung eines Redners: „nicht obwohl, sondern gerade wegen seiner Vergangenheit als Hitlerjunge“ sei Papst Benedikt XVI. gewählt worden. Um diese gesteigerte Negation der eigenen Nationalität zu illustrieren, geht man mit folgender Hypothese wohl kaum fehl: Getreu dem Motto „Alles Gute kommt von oben“ hätten gewiß auch die Veranstalter diesem Diktum zugestimmt – vorausgesetzt, sie hätten den Regen durch Bomben ersetzen können. Die Kirchen hatten am Vorabend des 8. Mai zusammen mit Gewerkschaften und Parteien zu einer Lichterkette aufgerufen, die im Berliner Stadtzentrum ein Zeichen gegen Krieg, Antisemitismus und Rechtsradikalismus setzen sollte. Die Beteiligung war mäßig: Am Alexanderplatz fand sich gerade ein-mal eine Handvoll Menschen mit Teelichtern ein. Auf die Nachfrage, wofür diese Lichterkette stehe, sagte eine Teilnehmerin: „Für Deutschland gegen Rechts“. Bezeichnend war, daß die von den Medien der Hauptstadt zuvor groß angekündigte Lichterkette am Montag nach ihrem kläglichen Ausgang in der Presse plötzlich kein Thema mehr war. Skurril derweil die Beobachtung am Strausberger Platz in Berlin-Friedrichshain. Auch dort hatten sich ganze vier Personen für eine symbolische Lichterkette zusammengefunden – quasi ein Glühwürmchen – neben zwei Stromkästen, die mit bemerkenswert korrespondierenden Plakaten beklebt waren: einmal das vom Berliner Senat verbotene Projekt eines in der PDS-Zentrale domizilierten Aktionsbüros, das mit dem provokanten Titel „Das Begräbnis oder Die himmlischen Vier“ geworben hatte. Das Bildmotiv zeigt einen englischen und ein russischen Bomberpiloten, die sich am Himmel aus ihren Flugzeugen heraus die Hände schütteln, während ihre Bombenlast fröhlich auf deutsche Städte niederregnet – direkt gegenüber davon die seltsam unkorrekte Losung auf den Plakaten des Flugreisenanbieters lastminute.com mit der Aufforderung: „Deutschland, wach auf!“ – „Nachtigall, ick hör dir trapsen“, würde der Berliner sagen, erinnert der Spruch doch stark an das „Deutschland erwache“ der Nationalsozialisten.

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