Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ein sensibler und wissender Geist

Bundeskanzler Willy Brandt schickte Peter Glotz 1977 nach West-Berlin. Hier übernahm er das Amt des Wissenschaftssenators. Glotz, 1939 im sudetendeutschen Eger geboren, kam politisch ursprünglich aus der bayerischen SPD und hatte unter der Vormundschaft von Waldemar von Knoeringen die politische Laufbahn beschritten. Die Partei verkörperte in Bayern die Großstädte gegen das weite Land, das der Politik der CSU folgte. Die SPD trug hier sogar intellektuelle Züge und war noch nicht verschlissen durch eine Masse von Aufsteigern, die jede Partei lediglich als Sprungbrett nutzten, um Jobs in Kommune und Land zu ergattern. In diesem Zustand befand sich allerdings die Berliner SPD. Sie war zu diesem Zeitpunkt politisch und moralisch ausgelaugt. Sie besaß keinerlei intellektuelles Personal. Die neue Ostpolitik ihres Kanzlers war ihr genauso suspekt wie die neue Bildungspolitik der Bundespartei, die die Masse der Jugend aus den Unterschichten an die Hochschulen und Universitäten bringen wollte. In der Berliner Partei hatten die unzähligen Analphabeten und Sachbearbeiter mit Abitur das Sagen. Radikalisierung sollte unterlaufen werden Gerd Löffler, dessen Nachfolger Peter Glotz wurde, hatte bis dahin irgendwie die Polizeitaktik des Innensenats auf den Campus übertragen. Eine Radikalisierung der Studenten in Richtung Kommunismus oder Partisanenkrieg der Roten Armee Fraktion (RAF) oder der Revolutionären Zellen (RZ) sollte unterlaufen werden. Die Kommunisten aller Schattierungen hatten an den Berliner Universitäten ihre Hochburgen. Der Umgang mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs, Berufungen und Forschungsaufgaben wurden deshalb mit den Mitteln des „Radikalenerlasses“, Intrigen oder Nachfragen bei den alliierten und deutschen Diensten erledigt. Die unterschiedlichen „Verwalter“ fühlten sich berufen, den Ausbau der Westberliner Universitäten so festzuschreiben, daß der Geist der „revolutionären Ungeduld“ keinerlei Früchte trug und auch nicht in wissenschaftliche Produktivität umgesetzt wurde. Ratlosigkeit herrschte vor, obwohl die Studentenzahlen in der westlichen Teilstadt längst die Hunderttausend-Marke überschritten hatten. Peter Glotz, ein Doktor der Kommunikationswissenschaften, suchte, kaum hatte er das Amt angetreten, mit den Dozenten, Professoren, den unterschiedlichen Exponenten studentischer Politik das Gespräch und vermied es, sich bei Polizei oder Verfassungsschutz Rat zu holen. Auch mich wollte Glotz kennenlernen. Wir trafen uns in den Räumen seiner Senatsverwaltung, aber auch in seiner Wohnung. Er hatte meine Personalakte studiert und war erstaunt über die absurden Anmerkungen, die meine „Gefährlichkeit“ unterstreichen sollten. Er interessierte sich für meine Vorstellungen von Lehre und für meine Ziele der wissenschaftlichen Arbeit. Er bestritt, daß dem „Massenstudenten“ ein „Massendozent“ vorgesetzt werden sollte, der in erster Linie einen „Sozialarbeiter“ darstellen würde, der die Reservearmee arbeitsloser Jugendlicher an der Universität irgendwie beschäftigen und unterhalten sollte, um sie von politischen Taten abzuhalten. Er war überzeugt, daß die Universität neue Ideen und neue Wissenschaftsansätze aufnehmen mußte, um selbst die Spur der Forschung und des Wissens nicht zu verlieren. In dieser Hinsicht wollte er die Tradition Humboldts bewahren, jedoch den neuen Verhältnissen anpassen. Die Kommunikationswissenschaften trugen nach seiner Interpretation der Tatsache Rechnung, daß es eine Theorie oder Philosophie der neuen Epoche nicht geben konnte. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge waren zu kompliziert, um theoretischen Begriffen oder „Funktionen“ zu genügen. Er war bemüht, über Gespräche, Lektüre und Teilanalysen so etwas zu gewinnen wie die „Mosaike“ eines Bildes von sozialer Realität, das zu keinem Zeitpunkt die Gesamtheit von Wirklichkeit oder Vergangenheit erfassen konnte und deshalb Teilausschnitte zeigte, die durchzogen waren durch unerkennbare Flächen. Er bewunderte und belächelte das geheimnisvolle Projekt der „Achtundsechziger“, über einen theoretischen Aufstieg in die Konkretion zur „sozialen Wahrheit“ vorstoßen zu wollen. Aber derartige Sichtweisen mußten an einer Universität Platz finden, öffneten sie sich der Diskussion und der Kritik. Er war erstaunt über meinen Status als „Zeitprofessor“, was nur bedeuten konnte, mich irgendwann zu entlassen. Aber auch er konnte die Barrieren der Vorurteile und der Intrigen in meinem Fall nicht überwinden. In der „Massenuniversität“ sah Glotz nicht nur die politische Taktik, durch eine Aufblähung der höheren Bildung die Quoten der Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Sie war zugleich eine Herausforderung, der begegnet werden konnte, indem wichtige Forschungsprojekte von seiten des Staates oder der Privatwirtschaft in diese Universität hineingebracht wurden, um die Lehre durch Forschung zu ergänzen und zu vertiefen. Er setzte sich für Wissenschaftskollegs ein, in denen von seiten der Wissenschaft über die Perspektiven der Forschung und der Lehraufgaben der Universität befunden werden konnte. Er wollte zugleich die Verwaltungsakte der Politik und hier der Parteien zurücknehmen, um den Universitäten mehr Selbstverwaltung und Verantwortung zurückzugeben. Auch in diesem Projekt scheiterte er, und das „Kolleg“ der Wissenschaftler und Professoren, das heute noch besteht, erfüllt längst nicht die zugeschriebenen Aufgaben. Glotz verließ Berlin. Einen Zugang zur örtlichen SPD hatte er nie gefunden. Glotz wußte, daß die SPD ihre soziale Basis verlor Glotz wußte und beobachtete gerade in Berlin, daß die Partei ihre alte soziale Basis verlor und mehr und mehr zu einem Instrument des „öffentlichen Dienstes“ wurde. Interessen und Mentalitäten einer derartigen Verwaltungspartei unterliefen den demokratischen Auftrag und machten sie zur Institution der örtlichen „Führer“, Minister oder der Regierungschefs. Es war nicht zu verhindern, daß Aufsteiger und „Fachidioten“ die Partei belagern würden. Hinzu kam, daß eine derartige SPD fremde Ideologien aufsaugte und anfällig war für die kommunistischen Weltsichten oder für einen tumben Bürokratismus. Gerade deshalb sollte das „neue Denken“ auch hier Einzug halten. Glotz wurde nach 1980 als Bundesgeschäftsführer der SPD nach Bonn versetzt. Er besaß das Vertrauen des Parteivorstandes und verfolgte nun den Plan, Wissenschaftler, Künstler, Studenten, überhaupt den kritische Geist in die Partei zu bekommen, um dadurch die Fallstricke einer derartigen Organisation überschreiten zu können und ein Gegengewicht zu schaffen. Auch dieses Projekt ging fehl. Die neuen „Generationen“ der Partei, die Benneter und Schröder drängten ihn lärmend an den Rand. Er übernahm andere Aufgaben und wußte sicherlich, daß ein sensibler und wissender Geist den Funktionen der Neuordnung der Wissenschaften und der Parteiarbeit nicht gewachsen war. Peter Glotz, der noch Ende Januar dieses Jahres der JUNGEN FREIHEIT ein kontroverses Interview gegeben hatte, verschied vergangene Woche Donnerstag in Zürich im Alter von 66 Jahren an einem Krebsleiden. Prof. Dr. Bernd Rabehl , Jahrgang 1938, war einer der engsten Weggefährten Rudi Dutschkes und lehrte Soziologie an der Freien Universität Berlin.

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