Die Frage nach dem Schlussstrich

Heilt die Zeit denn keine Wunden? Nachdem die politische Führung dieses Landes öfter, als man zählen kann, und über Jahrzehnte hinweg Scham bezeugt, Reue gezeigt und um Vergebung gebeten hat, wurde das alles zum 60. Jahrestag des Kriegsendes noch einmal wiederholt. Ein fast gespenstisches Ritual, das diesmal freilich um eine Nuance bereichert wurde: um die Theorie der Befreiung, die offizielle Doktrin des SED-Staates gewesen war. Diese Theorie kommt einer typischen Halbwahrheit gleich, die die Komplexität der Situation von 1945 in einen billigen Begriff preßt. Er wird nicht einmal den Realitäten in den damaligen Westzonen gerecht. Denn damals wurde eine Parteidiktatur durch eine Militärdiktatur ersetzt, es herrschte keine Meinungsfreiheit, keine Selbstbestimmung, und nur der Bruch der sowjetisch-amerikanischen Koalition rettete die Westdeutschen vor einer abgemilderten Version des Morgenthau-Plans. Und doch: Während die politische Klasse den Gedenktag nicht zuletzt dazu nutzte, aus der Gegenwart in die Vergangenheit zu flüchten und von den drückenden aktuellen Problemen abzulenken, nahm die breite Öffentlichkeit kaum noch Anteil. Besonders bei den Jüngeren zeigten sich Desinteresse und Überdruß. Bundespräsident Horst Köhler hat am 8. Mai eine insgesamt nicht unausgewogene Rede gehalten. Nur fragt sich, was er mit der Behauptung gemeint haben kann, es gebe keinen Schlußstrich. Einen Schlußstrich in dem Sinne, daß vergessen und beschönigt wird, was nicht zu beschönigen ist, wird und soll es nicht geben. Wohl aber einen Schlußstrich, der die politische Instrumentalisierung dieser zwölf Jahre beendet, der die Einengung des historischen Blickwinkels auf diesen einen Zivilisationsbruch der deutschen Geschichte aufhebt, der die rückwärtsgewandte Obsession durch Zukunftsbewältigung ersetzt. Bemerkenswerterweise kam das rechte Wort zur rechten Zeit aus der Mitte Europas, nämlich aus Prag. Dort veröffentlichten tschechische Intellektuelle und Politiker eine Erklärung, in der sie anläßlich des 60. Jahrestages praktische Schritte forderten, um „die Schuld an der Vergangenheit endgültig der Vergangenheit“ zu überantworten. Sie verlangten, dieses Kapitel der europäischen Geschichte „im Geiste der Gerechtigkeit und der Versöhnung zu beschließen“. Keines der europäischen Völker trage die unmittelbare Verantwortung für die Taten der Vorfahren. Ein solcher Schlußstrich wird früher oder später gezogen werden müssen. Warum nicht jetzt? Dr. Bruno Bandulet ist Herausgeber des DeutschlandBriefes und des Finanzdienstes G&M.

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