Der lange Arm der alten Genossen

Die DDR gibt es seit fünfzehn Jahren nicht mehr, und doch wirkt sie unselig noch immer nach. Der folgende Fall, über den am vergangenen Freitag vor dem Landgericht Leipzig verhandelt wurde, ist einer von vielen, in denen die Täter von einst weiterhin Täter und die Opfer weiterhin Opfer bleiben. Die Hauptrolle spielt der einstige DDR-Doping-Experte Winfried Schäker, der nicht an seine Doping-Vergangenheit im DDR-Sport erinnert werden will. Schon gar nicht sollen andere davon erfahren. Weil die frühere Sport- und Biologielehrerin Claudia Iyiaagan-Bohse die Leipziger Stadtväter im Dezember 2004 auf ebendiese Vergangenheit hinwies, landete sie Mitte August hinter Gittern. Daß es zur Inhaftierung kam, ist Schäkers Werk. Schäker ist Biochemiker und Neurophysiologe und hat im einstigen SED- und Stasi-Staat bis zur Wiedervereinigung über viele Jahre am geheimen Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig gearbeitet, wo er das Labor für Hormonforschung leitete. Berüchtigt ist das einstige FKS, weil es mit Doping-Mitteln experimentierte. Diese Aufputschmittel wurden den DDR-Sportlern mehr oder minder zwangsweise (teils auch ohne deren Wissen) verabreicht, damit sie für den SED-Sozialismus auf internationaler Sportbühne von Sieg zu Sieg eilten. In diesem körperverletzenden, menschenverachtenden und international verbotenen Doping-System war Schäker alles andere als unbedeutend. Dokumentiert ist seine Rolle zum Beispiel in dem Buch von Brigitte Berendonk „Doping ­- Von der Forschung bis zum Betrug (Rowohlt, 1992). Die Autorin war in der DDR selbst Doping-Opfer und ist heute verheiratet mit dem Heidelberger Molekularbiologen und Doping-Experten Werner W. Franke. In ihrem Buch wird Schäker bei seiner Doping-Arbeit als besonders emsig dargestellt. Seine makabren Verdienste in der Doping-Forscherriege der DDR werden ausführlich beschrieben. Dabei stößt der Leser auf Seite 236 auch auf diese Schilderung: „Aber ein Systematiker wie Schäker beschränkte sich nicht nur auf das schlichte Verabreichen der Dopingsubstanzen und auf die Beobachtung der Wirkungen. Er hatte sich dem totalen Doping gewidmet und arbeitete höchstpersönlich an der Verbesserung der Darreichungsform und der Akzeptanz bei den Sportlern. Bevorzugten sie etwa ein Nasenspray oder doch lieber Tabletten in der Backentasche (bukkales Doping), sollten es dicke oder flache Tabletten sein und mit welcher Geschmackrichtung? Schäker ließ wirklich nichts unversucht, den Sportlern das Oxytocin schmackhaft zu machen, experimentierte verbissen mit Minze und Menthol, mit Eukalyptus und Krokant.“ In Studien und Schriften, nicht zuletzt in seiner eigenen Habilitationsschrift, kann man noch mehr über Schäkers Treiben erfahren. Auf der Internet-Seite des Leichtathleten Dieter Baumann war Bohse auf den Satz gestoßen: „Professor Winfried Schäker aus Leipzig reicherte Kaugummis und Zahnpasta mit anabolen Steroiden an, um sie doping-unwilligen Athleten verabreichen zu können.“ Diesen Satz druckte sie aus und gab am 7. Dezember 2004 Kopien im Leipziger Rathaus ab: im Büro von Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, in den Sekretariaten aller im Stadtrats-Parteien sowie im Büro des Ausländerbeauftragten. Die Verteilung des Blattes hatte ihren Grund. Denn am selben Tag sollte Leipzigs Stadtrat über die Städtepartnerschaft mit Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba beschließen, die Schäker intensiv vorangetrieben hatte. Daher wollte Bohse, daß alle Beteiligten vor dem Beschluß Bescheid wußten, wem sie da bisher gefolgt waren. Schäker hatte nämlich sechs Jahre (von 1994 bis 2000) in Addis Abeba verbracht. Als Gastprofessor in Addis Abeba Seine Kritiker sagen, er habe sich dorthin abgesetzt, als die Doping-Machenschaften der FKS als öffentliches Thema hochkamen; er habe über sein Mitwirken daran Gras wachsen lassen wollen. In Addis Abeba war er Gastprofessor für Lehrerausbildung. Äthiopien als Fluchtort lag deswegen nahe, weil Leipzig zur DDR-Zeit Ausbildungszentrum auch für äthiopische Akademiker war. Nunmehr stand der einstige Doping-Professor, mutiert zu Leipzigs Äthiopien-Kenner, dem von ihm 2002 gegründeten Verein Städtepartnerschaft Leipzig­ – Addis Abeba e.V. vor. Auf einem zweiten von Bohse verteilten Blatt stand zu lesen: „Wer Tätern einer Diktatur größere Aufmerksamkeit schenkt als deren Opfern; Bürgerinnen und Bürgern Grundrechte verwehrt; Menschen in Entscheidungsprozesse nicht einbezieht; wider besseres Wissen das Volk belügt; Unrecht durch neues Unrecht verstärkt, der sollte sich über den Vertrauensentzug der Bevölkerung nicht empören. Sachfragen sind Personalfragen!“ Durch beide Blätter fühlte Schäker sich verunglimpft und seinen Ruf geschädigt. Mit einstweiliger Verfügung ließ er Bohse das weitere Verbreiten jenes Satzes untersagen und für den Wiederholungsfall ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro und ersatzweise bis zu sechs Monate Haft androhen. Um diese Verfügung durchzusetzen, legte er dem Leipziger Landgericht eine eidesstattliche Versicherung vor. In ihr bezeichnete er das Zitat von Baumanns Internetseite als falsch und beteuerte: „Ich reicherte nie Kaugummis oder Zahnpasta mit anabolen Steroiden an, um sie doping-unwilligen Athleten verabreichen zu können.“ Diese Äußerung besagt freilich nur, daß nicht er selbst Kaugummi und Zahnpasta angereichert hat, jedenfalls nicht mit anabolen Steroiden. Ob mit anderen Doping-Mitteln, zum Beispiel mit dem Neurohormon Oxytocin, läßt sie offen. Schäkers Versicherung schafft damit nicht den Kern des Vorwurfs aus der Welt, nämlich seine Doping-Experimente in der DDR an und mit Menschen, damit der Sozialismus auch im Sport siegen sollte. Wegen Körperverletzung belangt werden kann aber nur, wer die Mittel verabreicht hat. Daß er selbst dies getan habe, hat Schäker von sich gewiesen ­ nicht aber, daß seine Doping-Mittel (von anderen) verabreicht werden konnten, sollten und wurden. In dem von Schäker angestrengten und gewonnenen Verfahren wurde Bohse auch dazu verurteilt, die Kosten für das Verfahren zu bezahlen. Sie weigerte sich. Am 15. Juli 2005 stellte das Amtsgericht Leipzig einen Haftbefehl gegen sie aus. Darin hieß es, sie könne die Einlieferung in eine Vollzugsanstalt abwenden, wenn sie bis zum 10. August das Geld zahle. Das tat sie nicht. Der Obergerichtsvollzieher am Leipziger Amtsgericht überzog sie am 11. August mit einer von Schäker betriebenen Zwangsvollstreckung. Da sie nicht zahlen wollte und, weil arbeits- und mittellos, nicht konnte, wurde die 58jährige am 12. August für sechs Monate zur Beugehaft ins Chemnitzer Frauengefängnis gesteckt. Doch Bohse blieb nicht ohne Beistand. Dieser äußerte sich mit einem Offenen Brief vom 18. August an Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee und an die Fraktionsvorsitzenden im Leipziger Stadtrat. Geschrieben hatten ihn Bürgerrechtsgruppen aus Leipzig und Berlin sowie die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft. Mit dem Brief drängten sie die Adressaten, sie sollten sich von einem „Schreibtischtäter wie Schäker“ öffentlich distanzieren und auch den Verein Städtepartnerschaft Leipzig ­Addis Abeba dazu anhalten. Unterschrieben haben den Brief sechs Personen, an erster Stelle die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. In dem Brief heißt es über Schäker unter anderem: „Seine Arbeit diente einzig und allein dem Zweck, Dopingsubstanzen zur chemischen Leistungsmanipulation im Rahmen des geheimen DDR-Staatsplanthemas 14.25 zu entwickeln. So war er beteiligt an der Entwicklung von sogenannten Steroidsubstanzen, Anabolika, die auch nach DDR-Recht nie für den Gebrauch am Menschen zugelassen waren und dennoch massenhaft selbst an minderjährige AthletInnen verabreicht wurden. Dokumentiert ist das u.a. in einer Studie mit dem Titel ‚Zur Anwendung von Steroidsubstanzen im Training und Tierexperiment sowie zur Qualitätsprüfung der STS-Präparate‘, deren Erstautor Schäker ist. Sie dokumentiert unethische Versuche an Athleten aus zehn Sportarten, auch an minderjährigen Turnerinnen. Thema seiner Habilitation (‚Verbesserung des zentralnervalen und neuromuskulären Funktionsniveaus sowie sportartspezifischer Leistungen durch Oxytozin‘, 1980) waren Experimente an Sportlern mit Neurohormonen wie Oxytozin. Damit (nicht mit Anabolika) versetzte er Kaugummi und als ‚Vitamin B 17‘ getarnte Pillen, damit die Athleten nicht bemerkten, daß sie mit Hormonen gedopt wurden. Die schweren Gesundheitsschädigungen durch das DDR-Dopingprogramm, von Wissenschaftlern wie Winfried Schäker vorbereitet und in Kauf genommen, hat der Bundesgerichtshof im Jahr 2000 als mittelschwere Kriminalität eingestuft. Wenige Tage später forderte Tiefensee den bisher von ihm gestützten Schäker auf, sich vom Vorsitz des Städtepartnerschaftsvereins zurückzuziehen. Kurz darauf tat Schäker dies und trat auch aus dem Verein aus. Über ihren anwaltlichen Beistand ließ Bohse gegen Schäker Strafanzeige wegen falscher Versicherung an Eides Statt erheben. Zugleich erreichte der Anwalt, daß Bohse seit dem 21. September wieder auf freiem Fuß ist und daß das Landgericht Leipzig für den 14. Oktober eine mündliche Verhandlung anberaumte. Auch Schäker sollte erscheinen. Der aber machte geltend, er sei dann im Urlaub. Nun ist am 4. November verhandelt worden. Zu denken gibt, daß Schäker nur Bohse mit einer einstweiligen Verfügung überzog, nicht dagegen die Bild-Zeitung, die am 18. Februar 2005 den gleichen Satz zitierte. Auch die Bezeichnung „Doping-Professor“ ließ Schäker ungeahndet. Ebenfalls ungeschoren blieb die Berliner Zeitung, die den Vorgang samt inkriminiertem Satz einen Tag zuvor ausführlich geschildert hatte. Außerdem steht jener Satz über Schäker unverändert noch immer auf Baumanns Internet-Seite (nachzulesen unter www.dieterbaumann.de/reports/12.1999/db04n19.htm ). Vergeblicher Versuch, sich reinzuwaschen Schäker muß sich sogar den Ruf „Hormon-Papst im DDR-System“ gefallen lassen. 1991 hatte Schäker schon einmal versucht, sich mit einer einstweiligen Verfügung von seiner Doping-Vergangenheit reinzuwaschen. Vergeblich, das Landgericht Heidelberg wies ihn ab. Bohses Anwalt, der über 160 geschädigte Doping-Opfer vertreten hat ist der Auffassung, man dürfe nach diesem Urteils Schäker „mit Fug und Recht öffentlich einen Doping-Forscher nennen, der sein gesamtes wissenschaftliches Leben und Engagement den kriminellen Doping-System der ehemaligen DDR gewidmet“ habe. Eine Geschichte für sich ist, warum gerade Bohse so drangsaliert wurde. Das hat mit alten DDR-Kadern zu tun. Diese fühlen sich von der couragierten Frau bedrängt, weil sie seit der Wiedervereinigung von 1990 für Recht und Gerechtigkeit kämpft. Sie wollen sie seitdem zermürben und mundtot machen. Doch obwohl Bohse heute arbeits- und mittellos ist, läßt sie sich den Mund nicht verbieten. Gegen das Landgerichtsurteil vom 4. November geht sie vor dem Oberlandesgericht in die Berufung. Fotos: Von der Polizei beschlagnahmte Doping-Mittel: Körperverletzende und menschenverachtende Methoden zum Ruhme des Sozialismus / C. Iyiaagan-Bohse: Beugehaft

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