Zeit zur Revolte

Die Demokratie krankte in Deutschland nie daran, daß das Volk zu viel zu sagen hatte“, schreibt Roger Köppel in einem bemerkenswerten Artikel in der Welt vom 27. Juli 2004. „Die Demokratie krankte in Deutschland im Gegenteil immer daran, daß das Volk zu wenig zu sagen hatte und die Mächtigen zuviel.“ In der Tat haben auch die kürzlich und momentan gerade Mächtigen uns wenig Gutes beschert – außer Konkurs-, Scheidungs- und Übergewichtsquoten wächst wenig in Deutschland. Es geht bergab: Der Anteil in Deutschland ansässiger Unternehmen am Welt-Chemieumsatz ist seit 1991 um rund ein Viertel gefallen. Dafür haben die Auslandsniederlassungen dieser Chemiefirmen inzwischen mehr Anteil am Weltumsatz als ihre Mütter. Während die ökonomische Basis bröckelt, erodiert gleichzeitig die menschlich-moralische. Die formal vom Staat als rechtswidrig betrachteten, weder medizinisch noch kriminologisch indizierten Abtreibungen wurden vom gleichen Staat seit 1996 mit 250 Millionen Euro subventioniert. Gerade im deutschen Spießertum haben Atavismen, Süchte und Wahnhaftes Hochkonjunktur: Das LKA Hessen berichtete Ende 2003, zur Kannibalismus-Szene gehörten „Zahnärzte, Lehrer, Beamte und Handwerker, ganz normale Leute“. An der Spitze stehen Leute, denen die ihnen zunächst eher wohlwollende Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) 2003 bescheinigte, daß „die Politik der rot-grünen Bundesregierung in Sachen Menschenrechte jetzt ein trauriges Rekordtief erreicht“ hat. Wie nach außen, so nach innen, wie zu den Menschen ferner Länder, so zu den angeblich Nächsten im eigenen Land: Mit Hartz I bis irgendwas wird das Volk ausgepowert, während 2003 die Vorstandsgehälter bei SAP um 136,5 Prozent und bei Eon immerhin noch um 65,7 Prozent stiegen. Das Volk, das mit Küblböcks Kakerlaken-K(r)ämpfen abgelenkt werden soll, reagiert mit Wut und Verweigerung. Laut Gallup-Studie engagieren sich gerade noch 15 Prozent der Arbeitnehmer – dagegen haben 69 Prozent auf „Dienst nach Vorschrift“ abgeschaltet. Wenn dann noch mit NPD/DVU und PDS sich die Böcke als Gärtner bewerben, wenn nur die Wahl bleibt zwischen etablierter Pest und kosmetisch erneuerter Cholera, dann müssen sich endlich die Vernünftigen und Verantwortungsvollen zusammentun – zu einer lagerübergreifenden demokratischen Alternative. Noch ist Zeit zur Revolte, aber nicht mehr allzuviel Zeit. Nicht übermorgen: Jetzt gilt es, friedlich und machtvoll aufzustehen gegen all die, die Deutschland ruiniert haben oder es ruinieren würden. Rolf Stolz ist Gründungsmitglied der Grünen. Heute lebt er als Publizist in Köln.

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