Keine mildernden Umstände

Meinungsfreiheit und Zivilcourage in der Bundesrepublik“ – wenn darüber ausgerechnet der wegen eines Gratulationsschreibens an den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann aus der Bundeswehr entlassene Brigadegeneral Reinhard Günzel spricht, ist der Zuhörerandrang sicher. Vergangenes Wochenende war das Verbindungshaus der Erlanger Burschenschaft Frankonia mit über 150 Interessenten – darunter viele Reservisten – gefüllt, als der geschaßte Chef der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr den Saal betrat. Günzel, der mit ironischen, sarkastischen, teilweise auch zynischen Bemerkungen und Zitaten die Zuhörer überraschte, wurde immer wieder von Applaus, Gelächter – aber auch Murren bei unglaublichen, nicht bekannten Tatsachen – unterbrochen. „Zu einem gewissen Wohlverhalten verpflichtet“ Bereits zu Beginn wies Günzel darauf hin, daß er aufgrund seines vorzeitigen Ruhestandes „zu einem gewissen Wohlverhalten verpflichtet“ sei. Er rekapitulierte, wie es überhaupt zu diesem „Status“ des vorzeitigen Ruhestandes kommen konnte, und beschrieb im Detail, wie sich die Vorgänge vollzogen. Minutiös schilderte Günzel die kurze Zeitspanne, in der er von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) vom gefragten Elite-General mit Afghanistan-Erfahrung zu einem „Verwirrten“ degradiert wurde. Selbst die ansonsten bei Verabschiedungen übliche Formel von „Dank und Anerkennung“ wurde Günzel seitens des Verteidigungsministeriums vorenthalten. Auch nahm er ausdrücklich Martin Hohmann in Schutz und bezeichnete den Ablauf der Anti-Hohmann-Kampagne als „Hexenjagd“. Weiter versuchte er die Ursachen der „deutschen Psychose“ ausfindig zu machen und brachte dabei zahllose Beispiele des deutschen Krankheitsbildes. Die Erklärung dafür lasse sich nicht rational herleiten, da sie „tiefenpsychologisch“ bedingt sei. Das „ständige Büßertum“ der Deutschen macht Günzel hierbei als eine der Hauptursachen aus. Bei der Bundeswehr komme auch die rein technokratische Ausbildung des Soldaten hinzu, dem eine „charaktervolle Erziehung“ fehle – und somit auch die „geistige Selbständigkeit“ und der „Mut zum Widerspruch“. Dafür sei die mangelnde Zivilcourage der Deutschen verantwortlich, die Reichskanzler Bismarck bereits bemängelte, so Günzel. Der General hob dabei die fehlende Anerkennung von Zivilcourage in unserer Gesellschaft hervor, denn „ein Mann mit Zivilcourage hat immer die Mehrheit gegen sich“. In seinem Fall habe der Generalstab auch nie eine solche Zivilcourage in Betracht gezogen. Mildernde Umstände konnte er für das Offizierskorps nicht gelten machen, da er auch schon durch dessen Verhalten im Falle des „Horrorvideos von Hammelburg“ im Jahr 1997 betroffen war. Damals sorgten Ausschnitte dieses Videos für mediale Aufregung, welches von Wehrdienstleistenden nachgestellte Folterszenen zeigt. Für den damaligen CDU-Verteidigungsminister Volker Rühe war das der Startschuß zum „Kampf gegen Rechts“ in der Bundeswehr. Der damalige Oberst Günzel wurde grundlos versetzt – und das ohne einen Widerspruch seiner Vorgesetzten, denen das bekannt war. Durch dieses „opportunistische Abtauchen“ der Führung würde das Langzeitverhalten der Truppe beeinflußt, die sich der Unterstützung durch ihre Vorgesetzten nicht mehr sicher sein könnte. Damit werde die berühmte „deutsche Auftragstaktik zu Grabe getragen“. Der General nahm in seinen Ausführungen besonders die political correctness ins Visier, die „Geschichte verfälscht, Recht beugt, Karrieren zerstört und Menschen in den Tod treibt“. Er weckte dabei die Hoffnung, daß die Mauer der political correctness bald fallen werde. Günzel rief zum „Kampf gegen Mittelmäßigkeit, gegen Feigheit, Anpassung, Opportunismus“ auf, um wirkliche Meinungsfreiheit zu erlangen – minutenlanger Applaus war ihm sicher. Einen Tag später besuchte er seine KSK-Abschiedsfeier Günzel bewies auf der Veranstaltung aber auch, daß er trotz seiner heftigen und kraftvollen Attacken durchaus diskret sein kann. Denn bereits einen Tag später besuchte er eine von KSK-Soldaten für ihn organisierte Abschiedsfeier in Calw, dem Heimatstandort des KSK. Etwa 100 Kameraden bezeugten ihrem ehemaligen Vorgesetzten die Ehre, die ihm die offizielle Führung bislang verweigerte. Günzel selbst äußerte sich gegenüber der JUNGEN FREIHEIT begeistert über die „gewaltige Feier“. Sie sei eine „ausgesprochen beeindruckende und demonstrative Liebeserklärung“ seiner ehemaligen Einheit gewesen.

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