Georgische Verwicklungen Carl Gustaf Ströhm

Wer erinnert sich noch an die „unblutige Revolu-tion“, die im November 2003 den angeblich korrupten Eduard Schewardnadse vom georgischen Präsidententhron stürzte? So schnell, wie die „Revolution“ sich ausbreitete, war sie auch wieder in sich zusammengesunken. Heute ist Tiflis kein Medienthema mehr. Wie Ziethen aus dem Busch war da plötzlich ein adrett-charismatischer 36jähriger Jungpolitiker aus dem Nichts aufgetaucht: Michail Saakaschwili, ein perfekt US-Englisch sprechender und mit einer Niederländerin verheirateter Georgier. Nach Jura-Studium und Anwaltstätigkeit in New York kehrte er in seine Heimat zurück und wurde 2000 Schewardnadses Justizminister. Drei Jahre später versprach er, das Land vom korrupten „Ungeheuer“ zu befreien und endlich Recht und Ordnung einziehen zu lassen. Manche meinen allerdings, daß es in erster Linie die Amerikaner waren, die plötzlich Interesse an einem raschen Verschwinden Schewardnadses bekundeten – obwohl (oder weil) der Ex-KGB-General und frühere sowjetische Außenminister noch bis vor kurzem zu Washingtons bevorzugten Vertrauensleuten gehörte. Georgien soll in den letzten Jahren in puncto US-Finanzhilfe an zweiter Stelle gleich hinter Israel rangiert haben. In Moskau rief dies verhaltene Wut hervor: Der heute 76jährige spielte die USA gegen Moskau aus und ließ sich seine antirussische Westorientierung gut bezahlen. Denn obwohl Georgien kein Öl hat, befindet sich das Land in einer Schlüsselposition: Der Erdöltransport von den reichen kaspischen Feldern zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan läuft über Georgien. Vor einem Jahr fühlte sich Washington aber plötzlich betrogen: Schewardnadse verkaufte Georgiens Energienetz an den russischen Gazprom-Konzern. Damit waren „Schewis“ politische Tage gezählt. Fast gleichzeitig wurden auch einige der „Neuen Europäer“, die auf einen warmen Dollar-Regen gehofft hatten, von Unbehagen erfaßt. Plötzlich schien das US-Interesse für den Mittelabschnitt zu erlahmen, um sich stärker dem Südosten zuzuwenden. Anstelle von Polen und den Baltischen Staaten führte die strategische Interessenlinie über das Schwarze Meer und den Kaukasus ins ehemals sowjetische Zentralasien, wo man die ergiebigsten Ölfelder vermutet. US-Analysten sind der Meinung, daß es Präsident Wladimir Putin keineswegs um eine „Verwestlichung“ Rußlands als vielmehr um ein erneutes „Sammeln der russischen Erde“ und die Wiedergründung eines Imperiums gehe. Die Sorgen der Ostmitteleuropäer wachsen, da es zwischen Elbe und Dnjepr faktisch nichts mehr gibt, was einen russischen Vormarsch nach Westen aufhalten könnte. Die Bundeswehr ist abgerüstet und findet nur noch als bessere Polizeitruppe statt. Die neuen Nato-Mitglieder haben an Kampfkraft nichts anzubieten. Die aktuelle „Sicherheitsdoktrin“ in diesem Raum fußt auf der irrealen Annahme beständigen Schönwetters. Für den Ernstfall ist nichts vorhanden. Dabei könnte die jedem Russen dämmernde Erkenntnis, daß der Lebensstandard des Westens ohnedies nie zu erreichen sein wird, sehr schnell zur Erneuerung der altbekannten Parole führen: „Raubt das Geraubte“. Rußland, so scheint es, ist noch lange nicht aus dem Spiel – denn wozu entwickelt Moskau neue Weltraum-Waffen, „die jede Raketenabwehr nutzlos machen“, wie Vizegeneralstabchef Juri Balujewski letzten Donnerstag stolz verkündete!

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