Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der gehörlose Hans Eichel

Er habe auch am Wochenende keinen brauchbaren Vorschlag vernommen, wie denn der lahmenden Wirtschaft besser beizukommen sei als mit der Abschaffung des Tages der Deutschen Einheit als (arbeitsfreien) nationalen deutschen Feiertags, so Hans Eichel noch zu Beginn dieser Woche. Dabei waren die Wogen seit Verkündung dieses Aberwitzes von Mitte voriger Woche so hochgeschlagen, daß der Kanzler selbst aus dem Ausland zum kleinlauten Rückzug blies. Er wenigstens schien erkannt zu haben, daß er sich mit seinen engsten Vertrauten ins Abseits gestellt, ja blamiert hatte. Staatliche Gedenk- und Feiertage sind identitätsstiftend für Völker und Nationen. Nachdem uns Deutschen früherer „Jubel- und Hurra-Patriotismus“ nachgesagt und als überheblicher Chauvinismus krummgenommen worden war, hatten wir uns in der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung mit öffentlicher, nationaler, freudig-feiernder vaterländischen Regsamkeit bedeckt zu halten. Da mochten unsere Verbündeten und Nachbarn mit noch so pompösen Paraden, Feuerwerken und sonstigen Aufführungen auftrumpfen und jubeln, wir Deutschen sollten seit 1945 eher mit gesenkten Köpfen Andacht halten. Im freien Deutschland gab es seit 1954 den Tag der Deutschen Einheit als „Gedenk-“ und nicht als „Feiertag“, auch wenn er arbeitsfrei war und daher von den meisten längst als „Feiertag“ wahrgenommen wurde. Er konnte nur „Gedenktag“ sein, weil er den Opfern des von den Sowjets blutig niedergeschlagenen mitteldeutschen Aufstandes vom 17. Juni 1953 gewidmet war. Nach der in Frieden und Freiheit wiedergewonnenen staatlichen Einheit wurde der 17. Juni gegen den 3. Oktober getauscht und sollte und könnte nun als Tag der Deutschen Einheit wieder ein nationaler Freudentag sein. Er ist es nicht geworden. Mit Ausnahme der Hauptstadt jenes Bundeslandes, das nach deutschem Ritus im jährlichen Wechsel jeweils mit der Austragung der „zentralen Feier“ an der Reihe ist, und Berlins, dessen Bürger am stärksten unter Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen gelitten hatten und daher diesen Tag wirklich feiern, spürt im übrigen Deutschland kaum irgend jemand etwas von nationalem Engagement oder gar Ausgelassenheit. Beschämend, daß viele Abgeordnete und sogenannte Würdenträger gar nicht auf den Gedanken kommen, an diesem Tag in ihren Wahlkreisen oder Städten etwas Besonderes zu organisieren und im Zusammenwirken der Parteien mit Vereinen und Verbänden ihre Bürger in vaterländischer Verbundenheit um sich zu scharen. Da wird je nach Region in Fasching, landsmannschaftliche oder örtliche Gedenktage mehr Einfallsreichtum investiert als in den nationalen Feiertag. Daß daher dem Kanzler und seinen engsten Vertrauten aus alten Juso- und APO-Tagen bei der krampfhaften Suche nach zusätzlichen Einnahmen und ein paar Impulsen für bessere Wirtschaftsbedingungen zuerst der nationale Feiertag als Schlachtopfer einfiel, kann eigentlich niemanden verwundern. Mit dem Begriff „Vaterland“ haben sie sich angesichts ihres politischen und ideellen Bildungswegs schon immer schwergetan (um das gelinde auszudrücken). Verwundern kann lediglich die Schwerhörigkeit Eichels, zu dem der fast einmütige Protest aus allen Ecken auch nach Tagen noch nicht durchgedrungen war.

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