Auf dem Balkan gibt es keinen zufälligen Tod Carl Gustaf Ströhm

Der Flugzeugabsturz des mazedonischen Präsidenten Rajko Trajkovski hat Politiker aus ganz Europa zum Staatsbegräbnis nach Skopje geführt. Als einziges ausländisches Staatsoberhaupt erwies Bundespräsident Thomas Klestil dem Toten die letzte Ehre, was den EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi dazu veranlaßte, Österreichs Rolle auf dem Balkan besonders zu loben. Zeitgleich kursierte aber das Gerücht, beim Tod Trajkovskis sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Damit wurden Erinnerungen wieder lebendig: noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs und dann bis in die dreißiger Jahre war der Balkan für die damalige Welt etwa das, was heute der Irak oder Palästina sind: ein Zentrum der Attentate und der Bombenanschläge. Das Wort „Terrorist“ war damals nicht so geläufig – aber der Sinn war gleich. Trajkovski selber, der als besonders tolerant und als Vorkämpfer für das „friedliche Zusammenleben“ mit den Albanern galt, gehörte ursprünglich einer Partei an, die in ihrem Namen die Abkürzung VMRO führte – was Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation bedeutet. Die VMRO stammte aus den balkanischen Aufstandsbewegungen gegen das Osmanische Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals krachten im osmanisch beherrschten Mazedonien unaufhörlich die Bomben. Wer damals mit der Eisenbahn zwischen Belgrad, Sofia und Skopje unterwegs war, konnte statt des Schlafwagenschaffners einigen schwerbewaffneten türkischen Soldaten im Zug begegnen. Innerhalb der konspirativ tätigen „inneren Revolutionäre“ Mazedoniens gab es eine großbulgarische und eine autonomistische Gruppierung – die sich untereinander bis aufs Blut bekämpften. Der heutige Nationalheld Mazedoniens, Goce Delcev, sprach von seinem Gewehr wie von einer Braut – er wurde von den Türken erschossen. Noch im Zweiten Weltkrieg feierte die Idee eines unabhängigen Mazedoniens Auferstehung: Im Spätsommer 1944 versuchten VMRO-Kreise mit den Deutschen Kontakt aufzunehmen und ein freies Mazedonien zu proklamieren. Kurze Zeit später mußte die Wehrmacht Griechenland, den Balkan und damit auch Skopje räumen. Die kommunistischen Partisanen Titos übernahmen dort für Jahrzehnte die Herrschaft. Mazedonien wurde Teil Tito-Jugoslawiens. Bulgarien verlor seinen Ägäis-Zugang wieder und verschwand bis 1990 hinter dem „Eisernen Vorhang“. Als Jugoslawien 1991 zusammenbrach, entstand sofort wieder der Wille zur mazedonischen Eigenstaatlichkeit – gleichermaßen gerichtet gegen Bulgaren, Griechen aber auch gegen Albaner. Und es stieg, wie Phönix aus der Asche, die alte VMRO im neuen Gewande, geführt von Politikern einer neuen Generation. Manche Auguren meinten aber schon seit langem, daß in der mazedonischen Frage auch noch andere Hände im Spiel seien. Sie verwiesen darauf, daß es auffällig sei, wenn sich Trajkovski als „methodistischer Laienpriester“ bezeichnete – in einem Land, wo es laut Orthodoxer Kirche keinerlei Laienpredigertum geben dürfe. Hatte irgend jemand Interesse daran, den Lebensweg des vom Westen gezähmten Trajkovski vorzeitig zu beenden? Niemand weiß Genaues – aber in den Hinterzimmern von Skopje wird diese Frage gestellt. Ein seltsamer Tod zu einem seltsamen Zeitpunkt. Man erinnert sich eines Ausspruchs aus vergangenen Tagen: Auf dem Balkan gibt es keinen zufälligen Tod.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles