Amerika für Jesus

Erstaunt nehmen die meisten Deutschen wahr, welch große Rolle die Religion im US-Wahl-kampf spielt. Das weithin verweltlichte „alte“ Europa kann sich kaum noch vorstellen, daß der Glaube bei einer Spitzenwahl sogar den Ausschlag geben könnte. Erstmals seit 1960, als der US-Demokrat John F. Kennedy knapp gegen den Republikaner Richard Nixon gewann, steht bei der US-Präsidentschaftswahl am 2. November mit dem demokratischen Senator John F. Kerry ein Katholik einem Protestanten – Präsident George W. Bush – gegenüber. Beide liegen in Umfragen Kopf an Kopf. Die Trennungslinie zwischen Bush- und Kerry-Anhängern verläuft aber nicht entlang der Konfessionsgrenzen, sondern zwischen Wertkonservativen und Liberalen aus allen Kirchen. Zur Überraschung der meisten Europäer spielt der Irak-Krieg bei religiös motivierten Wählern keine überragende Rolle. Der Grund: Beide Bewerber waren für den Waffengang. Am deutlichsten treten die Unterschiede vielmehr bei den Themen Schwangerschaftsabbruch (Kerry für das Recht auf Abtreibung, Bush dagegen), Homosexualität (Kerry für die Homo-Ehe, Bush dagegen) und Bioethik (Kerry für staatlich subventionierte Stammzellenforschung, Bush dagegen) hervor. Vor vier Jahren verdankte Bush seinen äußerst knappen Wahlsieg nicht zuletzt den regelmäßigen Kirchgängern. 57 Prozent der Amerikaner, die jede Woche im Gottesdienst sitzen, gaben Bush ihre Stimme; 40 Prozent votierten für Al Gore. Von den theologisch konservativen Protestanten, den sogenannten Evangelikalen, erhielt Bush sogar 85 Prozent. Ein Großteil von ihnen wird in deutschen Medien unter Schlagworten wie „Fundamentalisten“ und „religiöse Rechte“ verbucht. 85 Prozent der 285 Millionen US-Amerikaner bezeichnen sich als Christen; 41 Prozent rechnen sich den Wiedergeborenen zu, und jeder vierte sympathisiert mit der „religiösen Rechten“. Die Frommen sind längst nicht mehr die Stillen im Lande; ihr politischer Einfluß ist gewachsen. Seltsam: Noch vor wenigen Jahren opponierten sie gegen ein politisiertes Christentum, während die „Linken“ gerade das politische Engagement propagierten, das sie heute bei den „Rechten“ verurteilen. In der Tat mobilisieren die theologisch Konservativen zunehmend ihre Anhänger. Die großen Dachverbände konzentrieren sich darauf, die Bürger überhaupt an die Wahlurnen zu bringen. Zum zweiten appellieren die Führer der Evangelikalen an die Wähler, biblisch-ethische Prinzipien zu berücksichtigen. So haben Kirchen und christliche Führungspersonen Entscheidungshilfen veröffentlicht. Richard Cizik, Vizepräsident der Evangelischen Allianz, die rund 27 Millionen Evangelikale repräsentiert, macht darauf aufmerksam, daß die Wahlbeteiligung in den letzten 25 Jahren von 60 auf 40 Prozent gesunken ist. Einige Konservative wie Fernsehprediger Pat Robertson und Baptistenpastor Jerry Falwell lassen keine Zweifel daran, daß für sie nur einen Kandidaten für wählbar halten, nämlich Bush. Dieser liegt nach Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Barna bei den regelmäßigen Kirchgängern mit 84 Prozent weit vor Kerry (26); bei den Bibellesern hat der Präsident mit 41 zu 34 Prozent die Nase vorn. Auch die 63 Millionen Katholiken stehen keineswegs geschlossen hinter Kerry. 53 Prozent sind für Bush, 39 Prozent für Kerry. Wegen seiner Befürwortung der Abtreibung auf Verlangen verweigern ihm viele Bischöfe die Eucharistie. Marc Balestrieri, Experte für kanonisches Recht, hat nach eigenen Angaben von der Vatikanischen Glaubenskongregation eine Bestätigung erhalten, daß katholische Politiker, die wie Kerry nachhaltig das Recht auf Abtreibung verteidigen, exkommuniziert werden können. Auch unter den meist katholischen Latinos (12,3 Prozent der Bevölkerung stammen von lateinamerikanischen Einwanderern ab) und den Schwarzen (12,5 Prozent) verliert Kerry wegen seiner Haltung zur Homo-Ehe Unterstützung. Nach einer Umfrage der New York Times hat der Republikaner Bush rund 17 Prozent der schwarzen Wähler hinter sich, acht Prozent mehr als im Jahr 2000. Wo findet nun Kerry die größte Unterstützung? Etwa zwei Drittel der Atheisten und Nicht-Religiösen stehen hinter ihm; allerdings stellen sie nur etwa fünf Prozent der Wählerschaft. Deshalb müht sich der Senator sehr, religiös motivierte Wähler anzusprechen, tut sich aber schwerer damit als Bush, der in Fernsehduellen gerade dann seine stärksten Momente hatte, wenn er über seinen persönlichen Glauben sprechen konnte. Oft zitiert Kerry den Jakobusbrief: „Glaube ohne Werke ist tot.“ Vor allem Mitglieder theologisch liberaler Traditionskirchen stehen hinter dem Herausforderer. 49 Prozent tendieren zu ihm und 37 Prozent zum Amtsinhaber. Der Nationale Kirchenrat – ökumenische Dachorganisation von 36 evangelischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen – betont in seinem Papier „Christliche Prinzipien im Wahljahr“, daß Krieg gegen den Willen Gottes sei. Man brauche Führer, die eine Politik internationaler Zusammenarbeit und globaler Gerechtigkeit betreiben. Das deutet in Kerrys Richtung. Ganz klar für ihn spricht sich die Pro-Abtreibungs-Organisation Planned Parenthood aus. Auch die immerhin etwa sechs bis sieben Millionen Muslime in den USA sind inzwischen wohl mehrheitlich gegen Bush. Die American Muslim Taskforce (AMT), die zehn verschiedene Islam-Gruppierungen vertritt, stellte sich letzte Woche hinter Kerry. Die Bush-Regierung habe sich als „unsensibel“ bei bürgerlichen Freiheiten und den Menschenrechten von US-Muslimen sowie arabisch- und asiatischstämmiger US-Bürger erwiesen. „Heute werden amerikanische Moslems wie Bürger zweiter Klasse behandelt“, kritisierte die AMT. Die Bürgerrechte würden durch die Anti-Terror-Gesetze nach den Anschlägen vom 11. September eingeschränkt. Man sei „enttäuscht über eine ganze Reihe von innen- und außenpolitischen Maßnahmen“. Riskant für Bush ist: Viele islamische Gemeinden befinden sich in den wahlentscheidenden US-Staaten Florida, Ohio und Pennsylvania. Freilich stehen auch Evangelikale keineswegs geschlossen hinter Bush. Rund 20 Professoren einer ihrer bedeutendsten Ausbildungsstätten, des Fuller Theological Seminary in Pasadena (Kalifornien), haben ein Papier gegen Bushs „Kriegstheologie“ unterschrieben. Sie wenden sich unter anderem gegen sein Reden von einer „Achse des Bösen“, die den USA als einem Hort der Gerechtigkeit entgegenstehe. Jim Wallis, Leiter der linksevangelikalen Kommunität Sojourners (Gäste) in Washington, warnt davor, sich nur auf die Themen Abtreibung und Homosexualität zu beschränken: „Die Schreie der Armen ertönen aus der Bibel von Anfang bis Ende.“ Mit Beten und Fasten will die Aktion „Amerika für Jesus“ die US-Präsidentschaftswahl begleiten. Ihr Leitwort entnimmt sie dem Alten Testament (2. Chronik 7,14): „Wenn mein Volk, über das mein Name genannt ist, sich demütigt, daß sie beten und mein Angesicht suchen und sich von ihren bösen Wegen bekehren, so will ich vom Himmel her hören und ihre Sünde vergeben und ihr Land heilen.“

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