Zweierlei Gedenken Carl Gustaf Ströhm

Zwei Gedenkfeiern am 15. Mai haben in Kroatien die Polari-sierung zwischen Wende-Kommunisten und den nationalen Kräften drastisch zutage treten lassen: etwa 1.500 Personen nahmen in der Gedenkstätte des ehemaligen „Ustascha“-KZs Jasenovac an einer „antifaschistischen“ Kundgebung teil. Nur 200 Kilometer entfernt kamen beim Kärntner Städtchen Bleiburg unweit der slowenischen Grenze 8.000 Kroaten zusammen, um einige hunderttausend ihrer Landsleute zu ehren, die im Mai 1945 von britischen Truppen an Titos Partisanen ausgeliefert und anschließend größtenteils massakriert wurden. In Jasenovac war Kroatiens Staatspräsident Stipe Mesic als Schirmherr erschienen, der als erstes erklärte, eine Versöhnung zwischen jenen Kroaten, die im Zweiten Weltkrieg auf der „roten“ Seite standen, und jenen, die den „Ustascha“-Staat unterstüzten, sei nicht angebracht. Mesic beklagte, daß in Kroatien „Tausende von Denkmälern, die zu Ehren der antifaschistischen Kämpfer errichtet wurden“, zerstört worden seien: „Unsere Kinder lernen auch heute noch aus Lehrbüchern, in denen sie nicht die Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg erfahren.“ Das aber müsse jetzt ein Ende finden. Nachdem der Präsident sich damit zur höchsten zeitgeschichtlichen Autorität ernannt hatte, wurde er aus der Menge mit dem Sprechchor: „Tito – Mesic!“ begrüßt, was er mit freundlichem Lächeln quittierte. Es war die bisher deutlichste Manifestation von Nostalgie nach dem „alten“ Tito-Jugoslawien und dem Marschall der Partisanen. Dies alles vollzog sich in Anwesenheit von Vertretern des diplomatischen Korps, der Regierung, des Verbandes der Alt-Partisanen und des Serbischen Nationalrats. Ganz anders war die Atmosphäre auf dem Bleiburger Feld. Ivica Kostovic, Vizepräsident des kroatischen Parlaments aus den Reihen der oppositionellen HDZ, forderte zur Versöhnung auf: Von Bleiburg zu sprechen bedeute nicht Kampf für neue Teilungen und Revanche, sondern Eintreten für die Wahrheit, ohne Haß oder Rache. Bis heute gebe es von seiten der Täter keine Reue und keine Bitte um Entschuldigung für den hier 1945 verübten Massenmord. Niemand sei für diese Untaten zur Verantwortung gezogen worden. Der Imam der Hauptstadt Zagreb, Aziz Hasanovic, sprach von einem gemeinsamen Opfer im Zeichen der „Brüderlichkeit von Katholiken und Moslems“ – unter den Bleiburger Opfern befanden sich zahlreiche islamische Bosnier. Der katholische Bischof von Dubrovnik, Zelimir Puljic, der die Feldmesse zelebrierte, erinnerte daran, daß die Kroaten stets für ihren katholischen Glauben gekämpft hätten: vom 7. Jahrhundert bis zum „Vaterländischen Verteidigungskrieg“ 1991/96, als sie sich gegen die serbische Aggression wehren mußten – und bis zum Grab des kürzlich verstorbenen Generals und Nationalhelden Janko Bobetko, dessen Auslieferung das Haager Kriegsverbrechertribunal gefordert hatte. Der Bischof sagte ferner in seiner Predigt, die in Bleiburg Versammelten beteten für alle unschuldigen Opfer. In Bleiburg regiere nicht der Haß. Hier werde vielmehr zur Versöhnung und Vergebung aufgerufen. Was Präsident und Bischof sagten, hörte sich an, als seien zwei Welten zu Wort gekommen: Mesic rief zu innerem Klassenkampf auf – Puljic hingegen versuchte, einen Weg in die Zukunft zu weisen. Im Zeichen dieser Polarisierung wird auch der bevorstehende Wahlkampf stehen. Eine Renaissance des Titoismus aber wäre das letzte, was Kroatien heute gebrauchen kann.

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