Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

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In manchem Einzelfall stimmte die alte Anti-68er-Formel „Lange Haare, kurze Ideen“, jedoch auch aus kurzgeschorenen Köpfen purzeln nicht nur Einsichten. Laurenz Meyer, bekennender Kurzhaarträger und Generalissimus der Christdemokraten, verlautbarte kürzlich, wenn er es richtig sähe, dann gehörten Antiamerikanismus und Antisemitismus eng zusammen und beides nähme zu in Deutschland. Nun, Laurenz Meyer sieht es nicht richtig. Er sieht überhaupt nichts, sein Durchblick ist gestört. Der deutsche „Antiamerikanismus“ ist zu achtzig Prozent der vernünftige Wunsch, daß Onkel Sam seine Jungs aus Europa zurückruft über den großen Teich in Gottes eigenes Land, daß der amerikanische Botschafter in Berlin so viel oder so wenig zu sagen hat wie der von Malawi und daß amerikanische Konzerne in Deutschland zumindest nicht mehr zu melden haben als ihre deutschen Gegenstücke in den USA. Die meisten der angeblichen „Antiamerikanisten“ haben keine feindlichen Gefühle gegen das amerikanische Volk, begreifen durchaus, daß uns dieses (und selbst die amerikanische Administration!) nähersteht als etwa der islamistische Teil der Welt, schätzen die Hochkultur (von Ezra Pound bis Hemingway, von Hopper bis Pollock) und/oder die populäre bis poppige Kultur der USA (vom Jazz bis zu Bob Dylan, vom Gospel bis zu den Beach Boys), aber sie wollen nicht, daß Europa hinter Bush in den Busch marschiert. Achtzig Prozent des angeblichen „Antisemitismus“ resultieren daraus, daß die Menschen hier über Menschenrechtsverletzungen und Repression empört sind und sich ebenso gegen die Katastrophenpolitik der Scharon & Co. wehren wie viele Juden in Israel und genausowenig wie diese Israel und das Judentum vernichten wollen. Sehstörungen und Zusammenhangsphantasien helfen nicht weiter – nur klare Sicht und klare Worte können dies. Der mörderisch dumme Antiamerikanismus und der mörderisch dumme Antisemitismus als blindes Vorurteil und blinder Haß existieren, aber sie sind nur bei wenigen Deutschen und bei wenigen hier lebenden Ausländern (vor allem im Islam-Ghetto) zu finden. Die Demokraten müssen solche politisch-moralischen Geistesstörungen bekämpfen und politisch erledigen. Aber genau das wird ihnen nur gelingen, wenn die deutsche Politik auch gegenüber verbündeten Mächten Charakterstärke, Unabhängigkeit und Klugheit zeigt – also all das, was man vielleicht als deutscher Generalsekretär nicht unbedingt benötigt. Rolf Stolz war Mitbegründer der Grünen. Er lebt heute als Publizist in Köln.

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