Streit zwischen ungleichen Brüdern Carl Gustaf Ströhm

Wenn eine Regierung ihren Gesandten zur Berichter-stattung nach Hause bestellt, ist Feuer auf dem Dach. Dieser Tage mußte der Botschafter Sloweniens in Kroatien, Peter Bekes, die Heimreise antreten. Anlaß war eine Erklärung des kroatischen Außenministers Tonino Picula. Der 42jährige Politiker der ex-kommunistischen SDP, sonst nicht gerade als glühender Verfechter kroatischer Nationalinteressen bekannt, kündigte per Zeitungsinterview an, Kroatien werde für sich eine „exklusive Wirtschaftszone“ entlang seiner Adria-Küste in Anspruch nehmen. Damit könnten die Kroaten den vorgelagerten „Festlandssockel“ unter ihre ausschließliche wirtschaftliche Kompetenz stellen. Das würde nicht nur zusätzliche Fischereirechte, sondern auch Schürfrechte für Erdöl- und Erdgasvorkommen bedeuten. Vor einiger Zeit sind im Seegebiet vor der Hafenstadt Pula unter dem Meeresgrund umfangreiche Erdgasvorkommen entdeckt worden. Auf die Frage, was denn das benachbarte Slowenien dazu sagen werde, meinte Picula, Slowenien habe keinen Zugang zur offenen See. Folglich gehe es die ganze Sache überhaupt nichts an. Zugleich erklärte der kroatische Minister das 2001 zwischen Laibach und Zagreb paraphierte (aber nie ratifizierte) Grenzabkommen für hinfällig. Sloweniens Außenminister Dimitri Rupel drohte daraufhin, den EU- und Nato-Beitritt Kroatiens nicht länger zu unterstützen. Man müsse daran zweifeln, ob Kroatien zu regionaler Stabilität beitragen wolle. Kroatiens Parlamentspräsident Zlatko Tomcic von der mitregierenden Bauernpartei sprach von „Erpressungen“ und „Ultimaten“ der Slowenen und vom „taktlosen und streitsüchtigen“ Ton Rupels. Die Wurzeln des Konflikts reichen bis in die gemeinsame jugoslawisch-kommunistische Tito-Ära. Slowenien hat einen Anteil von knapp 35 Kilometer Adriaküste am Golf von Triest. Aber die Seegrenze verläuft derart ungünstig, daß kein Schiff aus einem slowenischen Hafen auf offene See auslaufen kann, ohne entweder kroatische oder italienische Territorialgewässer zu passieren. Die Slowenen fürchten, daß eine kroatische Wirtschaftszone bis kurz vor das slowenische Meeresufer reichen werde. Dahinter aber steht die jahrhundertealte komplexe Beziehung zwischen Slowenen und Kroaten. Beide slawischen Völker sind einander in manchem ähnlich, unterscheiden sich aber doch in der Mentalität erheblich. Die Slowenen blicken auf ihre südlichen Nachbarn mit Herablassung und Neid: Kroatien hatte, was die Slowenen fast tausend Jahre schmerzlich vermißten: eigene Staatlichkeit, eigenen Adel, eine „kritische Masse“, um als Handelnde (und Leidende) in die Geschichte einzutreten. Die Kroaten wiederum beneiden und verspotten die Tüchtigkeit und Pedanterie der Slowenen. Es ist bezeichnend, daß am Vorabend der EU-Aufnahme in einer Umfrage 63,6 Prozent der Slowenen die Beziehungen mit Kroatien als „schlecht“ bezeichnen. Zwei Drittel der Befragten meinen sogar, die Beziehungen zwischen Laibach und Zagreb seien – trotz Linksregierungen in beiden Staaten – schlechter als zu Zeiten des nationalkroatischen Präsidenten Franjo Tudjman. Schon damals gab es einen Eklat, als die Slowenen ein Spionage-Auto mit hochmodernen Gerät über die grüne Grenze nach Kroatien schickten – und prompt von der kroatischen Abwehr erwischt wurden. In der Politik heißt es nicht „Liebe deinen Nächsten“, sondern „Liebe deinen Übernächsten“.

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