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Russische Invasion am Mittelmeer Carl Gustaf Ströhm

An einem der exklusivsten Hotelstrände der kroatischen Adriaperle Dubrovnik stellte kürzlich eine Frau mit einem zehnjährigen Sohn an der Hand den beach boy zur Rede: „Wieso habt ihr hier keinen Swimmingpool?“, fuhr sie ihn auf Englisch mit deutlich russischem Akzent an. Der junge Kroate, welcher ihr gerade einen Sonnenschirm aufstellte, machte eine weite Handbewegung: „Madame, Sie haben hier doch die ganze Adria zur Verfügung und das Wasser hat 24 Grad!“ Darauf die Russin: „Ja, aber das ist doch Salzwasser!“ Als er weit genug von seiner Gesprächspartnerin entfernt war, machte er seinem Ärger Luft: „Vor 15 Jahren saß die irgendwo hinter dem Ural und konnte von Dubrovnik nicht einmal träumen – und jetzt verlangt sie Süßwasser in der Adria!“ Überall am Mittelmeer – von der Côte d’Azur bis zur türkischen Riviera – tauchen die „neuen Russen“ als Touristen auf. Im Gegensatz etwa zu Polen oder Tschechen, die wegen ihrer Sparsamkeit auffallen, werfen die Gäste aus Putins Reich mit ihren US-Dollars um sich. Nichts ist ihnen gut und teuer genug. An der türkischen Riviera haben die Russen in puncto Trinkgeld-Beliebtheit längst die Deutschen entthront. Selbst wohlhabende Germanen können nicht mithalten. Der Besitzer eines der besten Fischrestaurants an der dalmatinischen Küste klagte: „Als ich einer russischen Gruppe neulich einen ausgefallenen Wunsch nicht erfüllen konnte, zog einer von ihnen ein dickes Bündel Hundert-Dollarscheine aus der Tasche und sagte mir: ‚Was kostet deine Klitsche? Ich kaufe den ganzen Laden und zahle in bar!‘ Natürlich“, so fügte der Fisch-Gastronom hinzu, „leben 90 Prozent der Russen heute nach wie vor in Armut – aber zehn Prozent sind wohlhabend bis sehr reich. Wenn Rußland 150 Millionen Einwohner hat, dann heißt das: 15 Millionen Russen in ihrem kalten Lande können sich einen Mittelmeer-Urlaub leisten. Das aber könnte das Gesicht der mediterranen Tourismus-Destinationen grundlegend verändern.“ Die Dollarbündel, welche die „neuen Russen“ so freigiebig aus der Tasche ziehen, sind zumindest in einigen Fällen nach westeuropäischen Maßstäben kein ehrlich erworbenes Geld. Da fällt dann bald das Wort „Mafia“: Es gibt Russen, die sich auf unvorstellbare Weise beim Zusammenbruch des Sozialismus bereichern konnten. Der Einfluß dieser Neureichen reicht bis weit in die staatlichen Machtstrukturen – oftmals nach dem bekannten Motto: „Tu mir nix, ich tu dir auch nix!“ Die sozialen Gegensätze, die Schere zwischen arm und reich, sind im heutigen Rußland um ein vielfaches größer als in der Zarenzeit. Was das auf Dauer bedeutet, läßt sich nur erahnen. Hinter den glitzernden Fassaden von Moskau oder St. Petersburg liegt das Elend der russischen Provinz, jenes „ungewaschenen Rußland“, von dem im 19. Jahrhundert der Dichter Michail Lermontow schrieb. Hinzu kommt das ungelöste nationale Problem: Präsident Wladimir Putin bekommt Tschetschenien nicht in den Griff, wie die permanenten Selbstmordattentate beweisen. Neulich wurde der Moskauer Rote Platz zum Sperrgebiet erklärt – aus Furcht vor Terroranschlägen. Der Ex-KGB-Offizier Putin klammert sich jetzt an die Amerikaner: Durch den gemeinsamen „Kampf gegen den Terrorismus“ will er die Eintrittskarte in die arrivierte westliche Welt erwerben. Was geschieht aber, wenn Bushs Rechnung in Afghanistan und in Nahost nicht aufgeht? Rußland bleibt die Achillesferse der „neuen Weltordnung“.

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