Rheingold

In der Fassade der deutschen Souveränität klaffen einige Löcher, die so groß sind, daß eine ganze amerikanische Panzerdivision hindurchfahren könnte. Da sind beispielsweise die deutschen Goldreserven, bei denen nicht ganz klar ist, ob es sich um Eigentum oder um Besitz oder nicht einmal letzteres handelt. Insgesamt 3.446 Tonnen wiegt das edle Metall, das zu Zeiten des Wirtschaftswunders unter Ludwig Erhard angehäuft wurde. Ein Blick auf die Bilanz der Bundesbank enthüllt, wie wichtig das Gold ist. Im Ausweis zum 31. Dezember 2002 finden wir auf der Aktivseite Währungsguthaben von umgerechnet 40,5 Milliarden Euro, die fast ausschließlich auf Dollar lauten – sowie Gold im Wert von 36,2 Milliarden Euro. Währungsreserven also, die unter anderem zur „Deckung“ des Banknotenumlaufs dienen, der auf der Passivseite der Bilanz steht. Entscheidender Unterschied zwischen beiden Positionen: Während der Dollar jederzeit abgewertet, blockiert und theoretisch sogar in einer Währungsreform vollständig entwertet werden kann, birgt das Gold keinerlei Bonitätsrisiko. Es bildet den harten Kern der deutschen Währungsreserven und zugleich de facto eine solide Basis für den Geldumlauf. Dazu müssen die Barren aber in Frankfurt liegen, und sie dürfen nicht verliehen sein. Genau hier beginnt das Problem. Der allergrößte Teil des deutschen Goldes ruht seit langem unter dem Asphalt von Manhattan, nämlich im Keller der Federal Reserve Bank von New York. Und ein unbekannter Teil davon wurde an internationale Banken ausgeliehen, was aus amerikanischer Sicht den Vorteil hatte, den Goldpreis zu drücken und die Hegemonie des Dollars zu stützen. Als der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann im vergangenen Jahr von der Regierung Auskunft über das Rheingold verlangte, bekam er nur nichtssagende und falsche Antworten. Ein früheres Mitglied der Bundesregierung sagte mir: „Die Amerikaner betrachten das deutsche Gold als eine Art Pfand.“ Und er erwähnte einen Brief des früheren Bundesbankpräsidenten Blessing, in dem dieser zugesagt hatte, die Goldreserven so lange nicht aus Amerika abzuziehen, wie die USA Stützpunkte in Deutschland unterhalten. Damit wäre erklärt, warum Bundesbank und Bundesregierung es nicht wagen, das Gold nach Deutschland zurückzuholen – ein längst überfälliger Schritt, den die Franzosen schon unter Charles de Gaulle getan haben. Gold ist letzte Sicherheit, aber nur, wenn man es auch physisch besitzt. Eigentum auf dem Papier ist nicht gut genug. Dr. Bruno Bandulet ist Herausgeber des Deutschlandbriefs und des Finanzdienstes G&M.

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