Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Provokation für den Kiez

Die politischen und historischen Debatten über einen zentralen Gedenkort für die Opfer von Vertreibungen haben in den letzten Wochen unübersehbar an Intensität und Schärfe gewonnen. Erst vor 14 Tagen traten 116 deutsche, tschechische und polnische Wissenschaftler und Intellektuelle mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, in dem sie behaupteten, daß bei der Errichtung eines solchen Zentrums in Berlin und unter der Mitarbeit vorzugsweise deutscher Vertriebener „die Gefahr“ bestehe, „daß mit Hilfe einer staatlich sanktionierten Umdeutung die unterschiedlichen Erfahrungen der europäischen Nationen in Frage gestellt und damit die europäische Integration behindert werden könnte“. Auch von Polens Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski und dem tschechischen Ministerpräsidenten Vladimir Spidla waren erst kürzlich wiederum schroffe Ablehnungen zu hören. In einem Zeit-Interview vom 5. September bezeichnete Spidla die Vertreibung lediglich als „Teilaspekt“ des Zweiten Weltkrieges. Ungeachtet dessen, daß auch von seiten der Bundesregierung momentan keine positiven Signale ausgesendet werden – erst am Montag dieser Woche hat sich Bundeskanzler Schröder anläßlich des Besuchs von Polens Ministerpräsident Leszek Miller erneut gegen den Bau eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin ausgesprochen -, versuchen die Initiatoren des Vertreibungszentrums durch die Suche nach geeigneten Objekten in Berlin den Druck auf Bund und Länder zu erhöhen. Vorsitzende der im September 2000 ins Leben gerufenen Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen sind die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach sowie der ehemalige SPD-Generalsekretär und heutige Direktor eines Medieninstituts an der Universität St. Gallen Peter Glotz. Bereits vor einem knappen Vierteljahr gaben sie bekannt, daß „derzeit bei der Bundesrepublik Deutschland um die Übertragung eines repräsentativen Gebäudes mit bis zu 11.000 Quadratmetern Nutzfläche in zentraler Lage“ nachgesucht werde. Obwohl bis heute von offizieller Seite keine konkreten Angaben über die ins Auge gefaßten Standorte vorliegen, wurde aufgrund einer Anfrage der Stiftung an einen Liegenschaftsfonds bekannt, über den der Verkauf von landeseigenen Berliner Objekten gesteuert wird, daß der aktuelle Favorit ein Bunkerkomplex in der Fichtestraße im Stadtteil Kreuzberg ist. Zwischen 1874 und 1876 als Gasometer für die Berliner Straßenbeleuchtung errichtet, kreisrund mit einem Durchmesser von 55 Metern und einer Höhe von 21 Metern, wurde das unweit des Volksparks Hasenheide befindliche Gebäude 1940 von Albert Speer in einen Luftschutzbunker für Mütter und Kinder umgestaltet. Die bestehenden Wände und Decken wurden innen mit bis zu drei Meter dickem Beton verstärkt; in den 750 Räumen konnten bei Fliegeralarm mehrere tausend Frauen mit ihren Kindern untergebracht werden. Trotz des Beschusses überstand der Fichtebunker den Weltkrieg nahezu unbeschadet. Nach dem Krieg diente der Komplex bis zu 1.500 Vertriebenen und Flüchtlingen als vorübergehender Aufenthaltsort, zeitweise beherbergte er ein Obdachlosenasyl und ein Altenheim. 1963 mußte das Gebäude wegen mangelnder hygienischer Zustände für die Unterbringung von Menschen gesperrt werden. Danach wurde die Bunkeranlage fast dreißig Jahre als Speicher für Lebensmittelreserven genutzt. Seit 1990 steht der Komplex leer. Konzepte, eine Konzert- und Freizeitstätte zu errichten, scheiterten am absehbar hohen finanziellen Aufwand, der für einen solchen Umbau notwendig wäre. Obwohl eigentlich das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg für jeden Vorschlag dankbar sein sollte, der darauf abzielt, das weitestgehend brachliegende Areal über den Liegenschaftsfonds zu erwerben, da bis heute kein Käufer gefunden werden konnte und auch der Leerstand Geld kostet, setzte nach der Bestätigung des Antrages umgehend eine Welle der Kritik ein. Die Berliner Abgeordnetenhaus-Fraktionen von SPD, Grüne und PDS bezeichneten den Ort als „denkbar ungeeignet“. Der in der Fichtestraße wohnende ehemalige Berliner Bürgermeister Walter Momper (SPD) nannte die Pläne „abwegig“. Anwohner sprachen von einer „Provokation für den Kiez“ durch eine „rechts stehende Organisation“. Darüber hinaus verweigerte sich die Mehrzahl der Berliner Kritiker jeder Aussprache mit den Verantwortlichen der Stiftung. Diese Haltung kam auch in der Ablehnung eines vor gut einem Monat von der CDU in der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg-Friedrichshain gestellten Antrages zum Ausdruck, der das zuständige Bezirksamt aufforderte, Vertreter des Bundes, Senats, Stadtbezirkes sowie der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen zu einer Gesprächsrunde einzuladen. Privatspenden zur Notfall-Finanzierung Zwar bestätigten die Hauptverantwortlichen der Stiftung auf Nachfrage, derzeit noch weitere Objekte im Auge zu haben, gaben jedoch wegen der Ende September erwarteten Entscheidung über den Fichte-Bunker keine näheren Informationen über mögliche Alternativen bekannt. Momentan wird allerdings daran gedacht, sich stärker von der eigentlich vorgesehenen „wirtschaftlich tragfähigen Grundlage“ für die Stiftung durch Bund und Länder unabhängig zu machen. Im Notfall soll sogar versucht werden, das Zentrum fast ausschließlich durch Privatspenden zu finanzieren. Doch selbst wenn eine solche Lösung realisierbar wäre, wird kein „nationaler Alleingang“ erfolgen: Jede mögliche Anteilnahme und Mitarbeit von Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas, aber auch des außereuropäischen Bereiches soll – so die Stiftung – beim Aufbau der Zentrums willkommen sein. Foto: Fichtebunker in Berlin-Kreuzberg: 30 Jahre als Speicher für Lebensmittelreserven genutzt

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