Protektor Steiner Carl Gustaf Ströhm

Schon zu k.u.k-Zeiten waren Albanien und das heute hauptsächlich albanisch besiedelte Kosovo als „bleihaltige“ Gegenden bekannt. Das hing weniger mit der Veranlagung der „Skipetaren“ zusammen, als vielmehr mit ihren Lebensumständen: Einen funktionierenden Staat gab es meist nicht, das Kosovo befand sich erst unter osmanischer und seit 1913 unter serbischer Fremdherrschaft. Da lag es nahe, das Schicksal selber in die Hand zu nehmen und sich den Weg freizuschießen. Das Kosovo entwickelte sich wie Sizilien oder der Nahe Osten: die Grenzen zwischen bewaffneten Gruppen und Räuberbanden waren (und sind) oft fließend. Seit die einstmals „autonome“ jugoslawische Provinz von der Uno regiert wird, hat die US-Erfindung des „nation building“ auch hier Schule gemacht: westliche Diplomaten und Militärs versuchen, den Kosovaren das „richtige“ Bewußtsein beizubringen. Zur Zeit ist der deutsche Diplomat Michael Steiner (dessen Karriere wegen Anschnauzens von Untergebenen schon einen Knick erlebte) Chef der Uno-Verwaltung (Unmik). In dieser Eigenschaft hat er – in bester Kolonialmanier – die im Kosovo operierende Untergrundgruppe „Armata Kombetare Shqiptare“ (Albanische Nationalarmee/AKSh) zur „Terrororganisation“ erklärt. Zuvor hatte die AKSh die Bahnlinie Belgrad-Pristina gesprengt. Ob sich das Problem mit Deklamationen in den Griff bekommen läßt, muß bezweifelt werden. Die Unmik-Funktionäre doktern an den Symptomen herum, ohne sich an die Grundfrage heranzutrauen: Warum war die AKSh in letzter Zeit so erfolgreich? Sie verübte eine Serie von Attentaten, etwa im südserbischen Presevo-Tal. Drei ihrer Mitglieder stehen in der Kosovo-Stadt Gjilan/Gnjilane wegen illegalen Waffenbesitzes und Anstachelung zu ethnischem Haß vor Gericht. In den letzten zwei Jahren tötete die AKSh mehr als zwei Dutzend kosovoalbanische Polizisten. Gleichzeitig lieferten sie sich mit konkurrierenden Formationen regelrechte Straßenkämpfe, etwa in Peja/Pec. Ein Zeuge, der es gewagt hatte, vor Gericht gegen einen Guerillakommandanten eines mächtigen Clans auszusagen, starb von Kugeln durchsiebt. Es ist fast wie in Afghanistan: die Macht der Unmik reicht bestenfalls bis vor die Tore der Hauptstadt – auf dem Lande herrschen oft schwer zu definierende bewaffnete Gruppen, die nachts Straßensperren errichten. Ein Witzbold meinte neulich, die Macht von Unmik und der Nato-Truppe Kfor reiche bis an die „Endstation der Straßenbahn von Pristina“. Allerdings – es gibt in der Kosovo-Hauptstadt keine Straßenbahn. Die Kalamität von Uno und Kfor liegt in der Tatsache, daß die „internationale Gemeinschaft“ im Grunde handlungs- und entscheidungsunfähig ist. Man ist nicht gewillt, den Kosovaren das Recht auf Selbstbestimmung zu gewähren. Die Kosovo-Albaner aber wollen eine unabhängige, souveräne Republik. Bei jeder Volksabstimmung hätte diese eine überwältigende Mehrheit. Die internationalen Administrationen schieben das auf die lange Bank – aus Furcht, den Serben weh zu tun. Das aber ist Wasser auf den Mühlen von radikalen Kräften: Wenn schon die Verhandlungen der „gemäßigten“ Albaner nichts brachten, dann laß‘ es uns doch mal mit Gewalt versuchen. In einem Land, das während der letzten hundert Jahre nur Gewalt kennenlernte, ist das kein Wunder. Ein altes Sprichwort lautet: „Das Gewehr ist nicht ein Instrument, sondern ein Körperteil des Skipetaren“. Wer wagt es, da noch von „Demokratisierung“ zu sprechen?

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