Joachim Kuhs

 

Kostspielige Ostalgie

Restaurative Vorgänge in der beschaulichen Stadt Kyritz im brandenburgischen Landkreis Ost-prignitz-Ruppin sind ins Visier der Medien geraten. Schon vor zwei Jahren hatte man dort auf Antrag der PDS-Kreistagsfraktion 20.000 Euro zur Renovierung eines Denkmals zur Bodenreform genehmigt. Die Bodenreform, die zur Enteignung Tausender Menschen in der Zeit zwischen 1945 und 1949 und auch danach führte, war in dieser Region am 2. September 1945 vom aus dem sowjetischen Exil kommenden KPD-Politiker Wilhelm Pieck in der örtlichen Gaststätte „Zum Schwarzen Adler“ ausgerufen worden. Die auf Beschluß des sozialistischen Rat des Kreises vom DDR-Künstler Werner Sätzer 1970 angefertigte Plastik weist in friedfertigster Manier mit spielenden Kindern und Kälbern auf die folgenschwere Proklamation des ersten und einzigen DDR-Präsidenten hin. Trotzdem ließ sich die Bild-Zeitung von diesem Idyll wenig beeindrucken und titelte am 11. August 2003: „Für 20.000 Euro! Pleite-Stadt putzt Bodenreform-Denkmal heraus“. Doch Bürgermeister Hans-Joachim Winter (CDU) kann dieser Anschuldigung lässig widersprechen. Denn der Haushalt der brandenburgischen Kommune ist – dank deutsch-deutscher Solidarität – nahezu ausgeglichen. Ansonsten gibt sich der Unions-Bürgermeister, der zu DDR-Zeiten im mecklenburgischen Schönberg Inspektor einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) war, eher wortkarg. Die Restaurierung sozialistischer Denkmäler sieht man mit märkischer Gelassenheit. Bürgermeister Winter behauptete gegenüber der JF sogar, das „Denkmal für die demokratische Bodenreform“ noch nicht besichtigt zu haben, obwohl die exponierte Lage des Denkmals auf einem zentralen Kyritzer Platz kaum zu umgehen ist. Fragen nach dem Kreistagsbeschluß, der die kostspielige und unreflektierte Restaurierung sozialistischer Unrechtsgeschichte einleitete, scheinen dem 49jährigen CDU-Politiker, der in der Nach-Wendezeit Berater für die kommunale und genossenschaftliche Wohnungsbaugesellschaft der Altschuldenhilfe war, eher unbehaglich zu sein. Von der örtlichen SPD war keine Stellungnahme zu bekommen, und die PDS – scheinbar als einzige mit den genaueren Modalitäten vertraut – lehnte das Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT ab. „Die Bodenreform gehört nun einmal zu unserer Geschichte“ Die Hintergründe des Kreistagsbeschlusses sind ganze zwei Jahre später nur noch schwer zu rekonstruieren. Außer der zugeknöpften Aussage des für Kyritz zuständigen Landrates Christian Gilde (SPD), der Antrag gehe auf die PDS zurück, ließen sich wenig Hintergründe erschließen. Zumindest der FDP-Kreistagsabgeordneten Gerhard Fenske kann sich noch genau an den Vorgang erinnern. Durch den Neubau des Kulturhauses und der örtlichen Sporthalle bot sich ein Anlaß für die Renovierung des Platzes, so Fenske, der bis dahin zugewuchert und ungepflegt sich selbst überlassen war. „Die Bodenreform gehört nun mal zu unserer Geschichte, wie man sie interpretiert, ist jedermanns eigene Sache“, so der engagierte Regionalhistoriker und FDP-Politiker. Andere politische Instanzen geben sich widersprüchlich: So versprach der Vorsitzende der Jungen Union Ost-prignitz-Ruppin, Jan Redmann, möglichst viel über das Denkmal in Erfahrung zu bringen, da er noch nichts davon gehört habe. In einem späteren Gespräch wußte der Nachwuchspolitiker aber zu beschwichtigen, daß er eine weitere Recherche für überflüssig erachte. Schließlich müsse das Medieninteresse für das bereits am 13. Juni 2003 offiziell eingeweihte Denkmal nun langsam nachlassen. Mit dieser voreiligen Einschätzung könnte sich Redmann jedoch getäuscht haben: Die Opfer der Enteignungen wollen auf die Provokation der Altkommunisten mit einer Demonstration reagieren. So fordert der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Recht und Eigentum (ARE), Manfred Graf von Schwerin, nicht etwa eine Bildersturmaktion. Die Demonstration, zu der er die Betroffenen der sogenannten Bodenreform am Sonntag, den 31. August ab 14 Uhr in Kyritz in einem Rundschreiben aufruft, soll mit der Umwidmung des Denkmals zum „Opfermahnmal für die politisch Verfolgten“ ein Ende finden und damit die staatlich finanzierte Glorifizierung eines Unrechtsystems rückgängig machen. Fotos: Restauriertes Bodenreform-Denkmal in Kyritz: Unverständnis der Opfer triff auf märkische Gelassenheit bei kommunalen Größen Kontakt: Aktionsgemeinschaft Recht und Eigentum e. V.; Zusammenschluß von Opfern und Geschädigten, ARE-Zentrum, Dorfstraße 21, 14550 Gut Groß Kreutz. Telefon: 0 56 82 / 73 08-12, Fax -13 Internet: www.are.org

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