Joachim Kuhs

 

Experiment mit ungewissem Ausgang

Um die Integration von rund 550.000 muslimischen Kindern im schulpflichtigen Alter gibt es wieder einmal heftige Debatten. In drei Bundesländern haben die zum Teil erbittert ausgetragenen Kontroversen zu ersten greifbaren Ergebnissen geführt. Mit dem neuen Schuljahr steht für einige hundert muslimische Kinder in Niedersachsen, Bayern und Berlin ein neues Fach auf dem Stundenplan: islamischer Religionsunterricht. Im bayerischen Erlangen und an acht niedersächsischen Grundschulen wird das Fach als Modellversuch angeboten, in Berlin wird ein bestehendes Angebot auf 30 Schulen ausgeweitet. Der Islam ist eine vielgestaltige Religion Die Kultusministerien in München und Hannover betreten damit Neuland – einen deutschsprachigen Lehrplan in enger Zusammenarbeit mit islamischen Verbänden gab es so bisher nicht. Mit dem deutschsprachigen Islamunterricht tun sich die Kultusminister seit Jahren schwer. Den Kultusministern fehlte bisher ein legitimer Vertreter als Verhandlungspartner für die 3,2 Millionen Muslime in Deutschland. Artikel 7 des Grundgesetzes besagt, daß „der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ als ordentliches Lehrfach erteilt wird. Doch nach einem den Kirchen vergleichbaren muslimischen Ansprechpartner suchten die Kultusministerien vergeblich. Arabische oder türkische Sunniten, Schiiten und Alewiten sind nur schwer unter einen Hut zu bringen. „Wir können nicht entscheiden, wer der richtige Ansprechpartner ist“, erklärt der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, Peter Brendel. Der Vorsitzende des Islamrates, Ali Kizilkaya, sieht das anders: Mit den beiden Spitzenverbänden Islamrat und Zentralrat der Muslime in Deutschland stünden geeignete Verhandlungspartner zur Verfügung. Von der bisherigen Entwicklung ist Kizilkaya enttäuscht: „Wir haben den Eindruck, alle Modelle laufen darauf hinaus, Muslime nicht zu beteiligen.“ Zentralrats-Sprecher Aiman Mazyek sieht dagegen in den Modellversuchen „einen positiven Ansatz“. Der Islam ist eine vielgestaltige Religion, die sich in verschiedene Rechtsschulen teilt. Bisher gibt es in Deutschland keine Dachorganisation, die den Islam so vertritt wie die Kirchen das Christentum. Die Vielzahl der Interessensverbände wirkt auf Vertreter der nordrhein-westfälischen Kultusministeriums zuweilen wie ein „Flickenteppich von Zuständigkeiten“. Zuletzt bestätigte das Verwaltungsgericht Düsseldorf am 2. November 2001, daß die beiden größten Dachverbände, der Zentralrat der Muslime und der Islamrat, keine repräsentative „Religionsgemeinschaft“ darstellen. Seitdem lahmt an Rhein und Ruhr der Modellversuch. Anderswo kämpfen die Behörden mit fundamentalistischen Eiferern. Kritik an „selbstgemachten Religionslehrern“ So sieht die Schulverwaltung in Berlin derzeit keine Handhabe, gegen den von der Islamischen Föderation angebotenen Unterricht an Grundschulen vorzugehen. Der neue Verfassungsschutzbericht des Landes gibt nach Ansicht der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport keine neuen Hinweise darauf, daß die Islamische Föderation von der extremistischen Vereinigung Milli Görus (IGMG) unterwandert ist, sagte die Sprecherin von Bildungssenator Klaus Böger (SPD), Rita Hermanns. Dem neuen Bericht des Berliner Verfassungsschutzes zufolge hat das Berliner Landgericht hingegen bestätigt, daß die Islamische Föderation als „Tarnorganisation der Islamischen Gemeinschaft Milli Görus“ bezeichnet werden dürfe. Die Reaktionen auf die Einführung des Islamunterrichts sind derweil unterschiedlich: Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen gehört zu den Befürwortern. „Wenn sichergestellt werden könnte, daß ein moslemischer Religionsunterricht den vorher festgelegten Curricula folgt, hätte ich keine Einwände“, sagte Algermissen. Ein solcher Schritt sei „grundsätzlich falsch“, sagte dagegen der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlich-demokratischer Lehrer in Hessen, Karlheinz Welsch. Der Bischof argumentiere naiv, wenn er muslimische Kinder damit von Koranschulen fernhalten wolle. Fundamentalistische Muslime akzeptierten einen solchen Islam-Unterricht nicht. Er sei zudem integrationsfeindlich. Für den Leiter des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland, Salim Abdullah, ist dessen Forderung die „erste erfreuliche Nachricht seit langem“. Was die Muslime auf jeden Fall vermeiden müßten, sei, daß „selbstgemachte Religionslehrer“, also von den islamischen Gemeinschaften ausgebildete Lehrpersonen, in die Schulen geschickt würden, wie es bedauerlicherweise in Berlin der Fall sei. Mit Skepsis begegnen Fachleute allerdings dem Argument, staatlicher Religionsunterricht könne muslimische Kinder dem Einfluß eines integrationsfeindlichen Koranunterrichts entziehen. So meint beispielsweise die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher, wahrscheinlich setze der Effekt des „Abwerbens“ nur dann ein, wenn Eltern mit dem Wunsch nach einer Koranschulerziehung überzeugt seien, daß der staatliche Religionsunterricht den Koranunterricht ersetze und die Kinder in gleicher Weise in der islamischen Tradition unterweise. „Wird das unter Berücksichtigung der staatlichen Vorgaben zum Schulunterricht der Fall sein?“ GEW spricht sich gegen noch mehr Religionsunterricht aus Der EKD-Schulreferent Matthias Otto argumentiert, staatlicher Religionsunterricht mache Koranschulen ebensowenig überflüssig wie evangelischer Religionsunterricht den Konfirmandenunterricht, eine Position, der sich auch der Muslim Salim Abdullah anschließt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hingegen sprach sich am Mittwoch gegen „noch mehr Religionsunterricht“ aus und plädierte statt dessen für eine religionsübergreifende Vermittlung von Normen und Werten an Schulen. Die GEW-Vorsitzende Eva Maria Stange warnte, man werde dann mit der Frage konfrontiert, wie auch andere Religionsgemeinschaften zu ihrem Recht kommen sollten.

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