Europas Stimme soll aus Paris kommen

Vietnam, zweimal Afghanistan und Irak – alle zeitgenössischen Kriege zeigen, daß Informatio-nen und Bilder wesentlich mitentscheidende Waffen sind, um einen Krieg zu gewinnen. In diesem Bereich hinken Deutschland und Frankreich besonders hinterher – und das, obwohl beispielsweise über 30 deutschsprachige Programme europaweit frei zu empfangen sind. Doch geht es um brandaktuelle Bilder, dann haben US-Sender wie CNN oder die britische BBC zumeist die Nase vorn. Deshalb hat die französische Regierung ihre Absicht erklärt, einen Informationssender (CFII) zu schaffen, der es Frankreich ermöglichen soll, einen größeren Einfluß auf der medialen Weltbühne zu haben.

Am 12. Februar hatte Präsident Jacques Chirac bei einem Empfang zu Ehren des Hochrates der Francophonie sein Bedauern ausgedrückt, daß "wir noch weit von einem großen französischsprachigen internationalen Informationssender entfernt sind, der dazu fähig wäre, mit BBC oder CNN zu rivalisieren". Es schränke die politische Handlungsfähigkeit ein, nicht über ein "genügendes Gewicht" in den Bilder- und Rundfunk-Kriegen zu verfügen, so der neogaullistische Staatschef. Einige Tage vor Beginn des Irak-Krieges, der nochmals die Schlüsselrolle der Information zeigte, bestätigte Chirac in seiner Rede vom 7. März diesen Entschluß: Ein Sender "wie BBC oder CNN" sei "wesentlich für die Ausstrahlung unseres Landes".

Von diesem Zeitpunkt an begann eine breite politische Diskussion um die Modalitäten der Schaffung dieses Senders, an der das Parlament, das Außenministerium, das Ministerium für Kultur und Kommunikation sowie öffentliche und private Medienfachleute beteiligt waren.

Doch die Vorarbeiten für ein "französisches CNN" begannen schon früher. Im Dezember 2002 beauftragte Außenminister Dominique de Villepin den ehemaligen Präsidenten des Senders Canal France International, Philippe Baudillon, damit, innerhalb von drei Monaten eine technische Machbarkeitsstudie zu erstellen, deren Ergebnis zunächst nicht veröffentlicht wurde. Vom 19. März bis zum 22. April 2003 fand dann eine öffentliche Befragung statt, bei der die Beteiligten ihre konkreten Pläne der Regierung vorstellten.

Außerdem wurde in der Nationalversammlung eine Informationsgruppe eingesetzt, die ihre Ergebnisse am 14. Mai in einem Bericht veröffentlichte. Am 26. Juni beauftragte Regierungschef Jean-Pierre Raffarin den Abgeordneten des Départements Alpes-Maritimes, Bernard Brochand (von der Regierungspartei UMP), einen Arbeitsplan zur Schaffung des Nachrichtensenders aufzusetzen. Der "Rapport Brochand" wurde schließlich am 29. September veröffentlicht. Am selben Tag wurde Brochands Auftrag verlängert, und die zwei ausgewählten Partner – die Fernsehsender TF1 und France Télévisions – wurden dazu aufgefordert, "die Vorarbeiten einzuleiten".

Der "Rapport Brochand" geht davon aus, daß ein "französisches CNN" "in kurzer Frist" realisierbar sei – ungefähr ein Jahr nach der definitiven Entscheidung, also ab 2004. Und es sei mehr als wünschenswert, nämlich eine "glühende Notwendigkeit", so Brochand. Und mit der öffentlichen Befragung von März/April 2003 sind wesentliche Vorarbeiten schon eingeleitet. Selbst der Name steht schon fest: Chaîne française d’information internationale (CFII) – ein "Französischer Sender für internationaler Information".

Da dies keine kommerzielle Idee, sondern ein "Projekt von Kultur und Zivilisation" sei, brauche es eine Unterstützung des Staates – die es trotz rekordverdächtiger Neuverschuldung wie in Deutschland auch bekommt. Aber Unterstützung dürfe nicht Führung heißen. Der Sender CFII müsse "als unabhängig wahrgenommen werden" statt als mehr oder weniger offizielles Organ der französischen Regierung.

Der Brochand-Bericht sieht als Idealvorstellung eine Kooperation von mehreren öffentlichen oder privaten Sendern (wie TF1 und France Télévisions) vor – mit einer Unterstützung des Staates durch Subventionen, die allerdings entscheidend wären. Die ausgewählte Variante kostet alles in allem etwa 70 Millionen Euro pro Jahr. Nur fünf Millionen Euro würden aus dem privaten "Club des fondateurs" kommen, der Rest aus der Staatskasse.

Französisch, englisch, arabisch und spanisch: Mehrsprachigkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen des CFII-Planes, damit Frankreich seinen Einfluß wirklich verstärken kann. Das Arabische brächte den Zugang in eine "Zone, wo Information gleichzeitig ein sehr gesuchtes Produkt und ein geopolitischer Gegenstand von großer Bedeutung ist", so der Brochand-Bericht.

Doch neben den technisch-finanziellen Problemen, die die Schaffung dieses Senders mit sich bringt (die staatliche Finanzierung bedeutet Staatseinfluß), stellt sich die Frage, ob der CFII es überhaupt schaffen kann, die französische Sprache und die positiven Werte der französisch-europäischen Kultur in der weltweite Medienlandschaft zu plazieren.

Die Planer des CFII scheinen davon ausgehen, daß die Welt sich in einer Bilder- und Informationsschlacht ("combat des images") befindet. Der Bericht von Brochand erachtet es daher als dringend notwendig, dem Informationsmonopol des amerikanischen CNN International, der britischen BBC World oder den arabischen Sendern Al Dschasira und Al Arabya ein französisch-europäisches Pendant entgegenzustellen.

Brochand mahnt "rückhaltlosen Ehrgeiz" an, damit sich CFII zu einem in allen Regionen der Welt bekannten "Markenzeichen" entwickelt. Doch bezüglich der Programminhalte bleibt der sein Bericht vage. Der CFII soll dazu dienen, "aktuelle französische Positionen im Ausland zu verbreiten" und "die Verbindung zwischen den französischsprachigen Bevölkerungen zu verstärken". Der Sender müsse "durch seine Bilder zur Schaffung einer europäischen Identität beitragen", und er soll "die französische Kultur und Lebensweise befördern".

Das Projekt scheint grandios. Zu befürchten ist jedoch, daß der Sender zu einer Art "Propaganda"-Instrument wird. Aber wer definiert letztendlich, was die "Werte Europas" sind, und wer oder was "französische Kultur" repräsentiert?

Wer sich das Programm des deutsch-französischen Gemeinschaftssenders Arte aus Straßburg anschaut, wird zumeist mit "politisch korrekten" Sendungen und Moderatoren konfrontiert – unabhängig davon, wer gerade in Paris und Berlin regiert. Das kann zwar als Zeichen einer gewissen Unabhängigkeit interpretiert werden. Doch da auch beim CFII auf das vorhandene journalistische Potential zurückgegriffen werden soll, ist zu befürchten, daß das Programm eher dem biederen Arte als dem selbstbewußten CNN ähneln wird.

Ob dies aber wirklich so sein wird, können die Zuschauer frühestens im kommenden Jahr erstmals selbst beurteilen. Und ob in den überfüllten deutschen Kabelnetzen für CFII ein US-Sender seinen Platz räumen muß, ist wohl zweifelhaft.

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