Eine unmögliche Metamorphose

Im Anschluß an seinen Parteitag, der vom 19. bis 21. April in Nizza stattfand, bemüht sich der Front National (FN) um ein neues Profil. Diejenigen Funktionäre, die sich der Parteilinie und der Führung gegenüber kritisch zeigen, stoßen bei Jean-Marie Le Pen auf taube Ohren. Der elfte FN-Parteitag hat Le Pen in seinem Amt als Vorsitzender bestätigt. Um so größer war die Überraschung ob des schlechten Abschneidens seiner Tochter Marine, die sich um einen Sitz im Exekutivbüro, dem Parteivorstand des FN, beworben hatte. Le Pen setzte sich über diesen Widerstand hinweg, indem er von seinen in der Parteisatzung festgelegten Sonderrechten Gebrauch machte und seine Tochter in das eigens für sie geschaffene Amt einer sechsten Vizepräsidentin erhob. Zu der Irritation, die dieser klare Fall von Vetternwirtschaft auslöste, gesellte sich ein gewisser Überdruß der Parteimitglieder. Dieser wiederum ist der Tatsache geschuldet, daß Marine Le Pen und ihr Club „Génération Le Pen“ Positionen bezüglich der Einwanderungsfrage und der Aufnahme „maghrebinischer Franzosen“ in den FN aufzuweichen suchen. In einem Bericht, den er dem Parteitag vorstellte, verteidigte Michel de Rostolan den Gedanken eines „französischen Islam“. Diese Stellungnahme, die sich der Position des neogaullistischen Innenministers Nicolas Sarkozy allzusehr annäherte, verwirrte die Parteimitglieder – plötzlich war die offizielle Linie des FN nicht mehr, die Einwanderer nach Hause zurückzuschicken, sondern nur noch, die Illegalen zurückzuschicken. Gleichzeitig soll es nicht länger darum gehen, „Frankreich den Franzosen zurückzugeben“, sondern „ein multikulturelles Frankreich“ zu fördern. Schließlich hatten Le Pen, seine Frau und seine Tochter anläßlich des Irak-Krieges Signale der Sympathie in Richtung Bagdads und der arabischen Welt gesendet. Diese Wende bereitete manchen FN-Mitgliedern Sorgen. Sie sehen darin einen Bruch mit den historischen Positionen, denen der FN seit seiner Gründung am 5. Oktober 1972 treu geblieben ist. Und sie weisen darauf hin, daß der Widerstand gegen die Einwanderung seit jeher zwar der Hauptgrund für die Verteuflung des FN, aber auch der Grund für seinen Erfolg bei den Wählern gewesen ist. Um Marine Le Pen und ihren Vertrauten Paroli zu bieten, stellten die Anhänger der traditionellen Linie sich hinter den designierten Le-Pen-Nachfolger Bruno Gollnisch und Marie-François Stirbois, die Witwe von Ex-FN-Generalsekretär Jean-Pierre Stirbois. Ihnen zur Seite steht Jacques Bompard, Bürgermeister der südfranzösischen Stadt Orange und Regionalrat im Département Vaucluse. Nicht zum ersten Mal macht sich letzterer zum Sprachrohr unzufriedener FN-Mitglieder. Viele junge FN-Wähler – aber wenig junge FN-Mitglieder In einem Internet-Interview warf er kürzlich der Parteiführung Versagen vor. „Seit zwanzig Jahren“, erklärte er, „erhält der FN unter den Jugendlichen zwischen 12 und 20 Prozent der Stimmen. Das ist ein enormer Anteil. Aber wie viele dieser Jugendlichen sind Mitglieder bei uns geworden? Sehr wenige. Hier gibt es offensichtlich ein Problem.“ Weiter sagt er: „Persönlich glaube ich an die Kraft einer Partei aus Aktiven … Es ist höchste Zeit, daß wir uns wieder in die Debatte einschalten. Diese Diagnose habe ich schon vor langer Zeit gestellt. Aber bislang predigte ich in der Wüste. Das scheint sich heute geändert zu haben, wenn ich mir einerseits die Zustimmung ansehe, die ich bekomme, und andererseits meinen fünften Platz im Zentralkomitee des FN.“ Anläßlich der Gründung seines Clubs „L’Esprit public“ am 30. und 31. Mai in Orange hat Bompard seine Kritik auch öffentlich geäußert. Die Anwesenheit ehemaliger und derzeitiger MNR-Kader bei dieser Veranstaltung hat der FN-Führung äußerst mißfallen. Das FN-Organ National Hebdo stellte sogleich die Frage, ob die „zahlreichen Abtrünnigen, die (an diesem Treffen) teilnahmen, die geeignetsten Leute sind, um den FN auf Erfolgskurs zu bringen“. Der FN ist 31 Jahre nach seiner Gründung noch immer dabei, eine unmögliche Metamorphose zu versuchen. Die von Bruno Mégret und seinen Freunden verursachte Spaltung hat ihn einen Teil vor allem seiner jüngeren Mitglieder gekostet. Dank seines fehlenden Zugangs zur veröffentlichten Meinung hat er Mühe, aus der Isolation herauszukommen. Von der Linken und der bürgerlichen Rechten ausgegrenzt, von den Medien ab und zu instrumentalisiert, ist er auf sich selbst angewiesen bei dem Versuch, ein unwahrscheinliches Wunder herbeizuführen. Diese unbequeme Position, in der sich der FN befindet, hat zum einen mit der im Namen des Antifaschismus gegen ihn angezettelten Verteuflung zu tun, zum anderen mit dem Wesen der Partei selbst. Diese sieht sich als Bewegung „gegen das System“ und hält sich für die „Zuflucht der echten Patrioten“. Wird sie ihrer Rolle als Buhmann der Nation je entwachsen können? Das scheint schwer vorstellbar. Denn ist es nicht gerade diese Außenseiterrolle, die sie für das France d’en bas erst attraktiv macht? Wählt nicht der „kleine Mann“ den FN, eben um sich gegen die politische Klasse zur Wehr zu setzen? Dies ist das Dilemma und die Paradoxie des FN. In Fortsetzung der Traditionen des populistischen französischen Nationalismus gleicht der FN von seiner Natur her eher einer Liga oder einem Unterstützungskomitee als einer politischen Partei – alles hängt an der Persönlichkeit des Vorsitzenden. Weil er das nicht verstanden hat, scheiterte der Technokrat Mégret mit seinem Versuch, dem FN eine klare Linie, ein Programm und eine Struktur zu geben, um an den Urnen zu reüssieren. Heute findet der FN Zuspruch bei einer breiten Wählerschaft, obwohl es ihm an Respektabilität ebenso mangelt wie an Medienzugang. Le Pens Charisma gleicht strukturelle Mängel aus Seine Anziehungskraft beruht auf der persönlichen Ausstrahlung Le Pens und auf dem Bild, das sich die Menschen von ihm machen: Charisma und Imagination gleichen alle strukturellen Mängel aus. Die interne Zwietracht der Partei ist ihren Wählern egal. Die öffentliche Verteuflung reizt sie eher. Sie geben ihre Stimme nicht für den Front National ab, sondern für Le Pen, den sie zugleich für Zorro und für ihren weißen Ritter halten, für die Verkörperung ihrer Absage an die politische Klasse und ihrer Freiheit zu sagen, was sie denken. Das Irrationale hat einen starken Anteil an dem Phänomen FN. Längst haben die Politologen alle Hoffnung aufgegeben, es jemals zu verstehen. Nur eins steht fest: Es handelt sich nicht um eine flüchtige Erscheinung, sondern um eine handfeste politische Realität. Solange kein Zauberer Frankreich über Nacht in ein neues Land verwandelt, gibt es jede Menge Gründe anzunehmen, daß Le Pen auch bei den nächsten Wahlen wieder für Überraschungen sorgen wird. Momentan spielen die Streiks, Blockaden und Tumulte, mit denen sich die Linke einmal mehr auf den Weg der Radikalität begibt, ihm in die Hände. Le Pen durchschaut all diese heimlichen Zusammenhänge natürlich. Und aus diesem Grund wird er nie lockerlassen, solange Gott ihm Leben und Gesundheit gewährt.

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