„Eine größere Kriegslust als das Dritte Reich“

Auch in Ostasien ist in allen Umfragen die öffentliche Ablehnung der angloamerikanischen Invasion in den Iraks groß. An eine Massendemonstration in Jakarta nahmen 200.000 Menschen teil. Die offiziellen Stellungnahmen spiegeln die Empörung der Bevölkerung jedoch kaum wieder. Aus Gründen des „nationalen Interesses“ haben sich viele Regierungen, darunter Japan, Korea, Taiwan, die Philippinen und Singapur, deren Schutz vom US-Militär abhängt, zumindest verbal in die US-Koalition eingereiht, nachdem Washington Loyalität angemahnt hatte. Am entschiedensten ist die Ablehnung des Kriegs in Indonesien und in Malaysia, dessen Regierungschef Mohammad Mahathir den USA Staatsterrorismus und eine „größere Kriegslust als das Dritte Reich“ vorwarf. Als Hauptkritiker des US-Angriffskriegs hat Mahathir in Washington als „asiatischer Chirac“ nachhaltige Verstimmungen ausgelöst, die ihm jedoch in der Region und im eigenen Land gegen die islamistische Opposition nur nützen. Mahatir, dessen Haltung im Parlament von Kuala Lumpur nicht nur von seinen muslimischen Malayen, sondern auch von den Vertretern der Inder und Chinesen einstimmig gebilligt wurde, warf den USA die Zerstörung des internationalen Rechtssystems der friedlichen Konfliktlösung vor. Die Mordkommandos, die der CIA auf die irakische Staatsführung angesetzt habe, entsprächen klassischem Staatsterrorismus. Jede in Washington mißliebig gewordene Regierung müsse nun fürchten, zum nächsten Opfer der US-Politik zu werden. Ganz besonders ärgerte Washington, daß Mahatir, der auch als Chef der „Blockfreien Staaten“ amtiert, die Opfer des 11. September und der Bomben von Bali mit den „Kollateralschäden“, der US-Bomben auf Afghanistan und den Irak gleichsetzte. Boykottaufrufe gegen US-Markenartikel Islamische Gruppen in Südostasien gehen noch weiter: sie haben zum Boykott von Hollywoodfilmen, von US-Imbißketten und US-Markenartikeln, wie Nike, Coca-Cola oder Mars aufgerufen, um die Amerikaner dort zu treffen, wo es ihnen wirklich wehtut: Am Geldbeutel. Ob diese Strategie im markenverliebten Asien wirkt, bleibt abzuwarten. Auch öffentliche Demonstrationen, selbst in den sonst zum Krawall neigenden Ländern wie Indonesien, den Philippinen und Südkorea, verliefen bislang meist friedlich. Nach dem Ausheben diverser terroristisch-islamistischer Gruppen nach den Bomben von Bali blieben auch die vielfach befürchteten Terroranschläge bislang aus. Die asiatischen Medien berichten weitgehend ausgewogen, ohne der allzu offenkundigen Kriegspropaganda von CNN, Fox-TV und der Murdoch-Presse aufzusitzen. Zu offensichtlich blieben der Blitzkrieg, der Jubel der Iraker über ihre Befreier, der Aufstand von Basra und die Massenvernichtungswaffen der Iraker aus. Schon rufen Zeitungen das Schicksal der ersten Irakexpedition der Briten, die im April 1916 im Kessel von Kut kapitulieren mußten, in Erinnerung. Schon damals hatte der englische Kommandeur, Generalmajor Sir Townshend den von Freiherr von der Goltz-Pascha befehligten türkischen Feind unterschätzt. 38.500 Mann mußten auf britischer Seite den Leichtsinn mit ihrem Leben bezahlen. Als Folge eines langen und möglicherweise sich ausweitenden Kriegs macht sich Asien auf die wahrscheinlichen Wirtschaftsschäden gefaßt: den Zusammenbruch des Ferntourismus, etlicher Fluglinien und Hotelketten, den Wegfall der mittelöstlichen Exportmärkte, explodierende Ölpreise und das Abwürgen der Weltkonjunktur. Die Stimmen der offiziellen Irak-Kriegsbefürworter werden daher wieder schwächer. Von Japan bis Singapur beeilt man sich darzustellen, diese Parteinahme entspreche nur den nationalen Sicherheitsinteressen, die eine Verstimmung des zunehmend unberechenbaren und unheimlichen „Partners“ in Washington nicht zuließen. Aber Taiwan, Korea und Singapur brauchen den US-Schutz gegen eine mögliche Invasion ihrer kommunistischen Nachbarn, Japan benötigt die Verteidigungsgarantien der USA gegen chinesische und nordkoreanische Atomwaffen. Trotzdem ist man in Tokio und in Seoul in größter Sorge vor einem US-Präventivschlag auf Nordkorea, dessen über Jahrzehnte hochgerüstetes Millionenheer große Teile Nordostasiens, einschließlich Seouls, auch nach einem US-Schlag noch in Schutt und Asche legen könnte. Nordkoreas stalinistischer Diktator, der „liebe Führer-Genosse“ Kim Jong-il ist aus Angst vor einem US-Angriff schon seit 50 Tagen abgetaucht und in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen worden. Weil die USA direkte Verhandlungen mit Nordkorea nach wie vor blockieren, sucht Seoul, dessen neue politische Führung von den USA gründlich entfremdet ist, nunmehr diskret ein Bündnis mit früheren Rivalen in der Region (Japan, China und Rußland) zu bewerkstelligen. Auch auf den Philippinen ist der Krieg und das Militärbündnis mit den USA unpopulär. Doch Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo benötigt die Unterstützung der USA, um angesichts der Inkompetenz des eigenen Militärs die wieder aufgeflammten kommunistischen und muslimischen Aufstände in der Provinz unter Kontrolle zu bringen. Auch Australiens konservativer Premier Howard braucht den aktiven Segen der USA für eine regionale Sheriff-Rolle Australiens, die nötig wird, sollte das benachbarte indonesische Inselreich weiter in Anarchie und Stammeskonflikten versinken. Das kommunistische China spielt klar auf Zeit. Es ist, ebenso wie die Regionalmacht Indien, deutlich gegen den Krieg der USA, tut aber alles, um nicht zur Unzeit ins Fadenkreuz der Bush-Administration zu kommen, die in China einen Machtrivalen in Asien sieht. Peking versucht deshalb, Washington nicht unnötig zu reizen, solange die stark wachsenden eigenen Kräfte für die Bezwingung Taiwans und eine regionale Hegemonialrolle noch nicht reichen. Es verbessert diskret seine Beziehungen mit Frankreich, Deutschland und Rußland und versucht die anti-amerikanischen Vorbehalte der Asiaten für eine vermehrte regionale Wirtschafts- und Sicherheitszusammenarbeit zu nutzen. Gleichzeitig hat es seine Armee in Alarmbereitschaft versetzt, um Unruhestiftern im Innern, hauptsächlich den zum Separatismus neigenden islamischen Uiguren in der strategischen Provinz Xinkiang, den Garaus zu machen. Eine pax sinica läßt grüßen.

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