Das Recht auf nationale Interessen

Welche Rolle sollen oder dürfen die Nationen im künftigen Europa spielen? Zu dieser Frage meldete sich in Kroatien – das auf der EU-Kandidatenliste hinter Rumänien, Bulgarien und der Türkei rangiert – eine mahnende Stimme zu Wort. Glas koncila, die von der Bischofskonferenz herausgegebene katholische Wochenzeitung, stellte in einem unsignierten Leitartikel die Frage: "Hat Kroatien ein Recht auf seine nationalen Interessen?"

Das einflußreiche Blatt fand eine deutliche Sprache: Jedes souveräne Land habe seine nationalen Interessen, die es mit "allen Kräften" fördere und entwickle. Dank "seiner unverantwortlichen Politiker" zähle Kroatien jedoch nicht dazu, denn es habe bis jetzt unterlassen, seine Interessen zu definieren. "Es ist ein unglaublicher Irrtum, daß Kroatien seine nationalen Interessen bereits durch die bloße EU-Mitgliedschaft zufriedenstellen könnte", warnt Glas koncila.

Die EU-Physiognomie werde nämlich durch die industriell oder militärisch starken und großen Staaten bestimmt. Ein Teil der kroatischen Politiker "möchte Kroatien am liebsten in der EU versenken und auflösen". Deshalb verschleuderten sie ohne zu zögern und in erniedrigender, lakaienhafter Weise auch jene Wirtschaftsgüter, welche für die kroatische Nation von schicksalhafter Bedeutung sind, an Ausländer. "Schwer haben sich jene kroatischen Politiker versündigt, weil sie nicht einmal versucht haben, Kroatien auf die eigenen Füße zu stellen – und zwar ohne Bevormundung durch internationale Organisationen, ohne Nachgiebigkeit gegenüber ausländischem politischem Druck."

Ein solcher Druck sei zugunsten der wirtschaftlichen Interessen der "entwickelten Länder und der multinationalen Konzerne" ausgeübt worden. Der jüngste und verspätete Versuch der Zagreber (Links-)Regierung, eine kroatische Wirtschaftszone an der Adria zu beanspruchen, habe zu "seltsamen Reaktionen" einiger EU-Politiker geführt. So habe Kommissionspräsident Romano Prodi behauptet, dieser Schritt widerspreche dem Geist europäischer Politik. "Ein solcher Standpunkt der Europäischen Union deckt auf, daß Kroatien nicht als Partner, sondern als minderwertiges oder nicht gleichberechtigtes Land behandelt wird", kritisiert die Zagreber Kirchenzeitung.

Scharf wendet sich Glas koncila gegen das künftige EU-Mitglied Slowenien, das die völkerrechtlich legitimierten Interessen Kroatiens (im Streit um die Piran-Bucht und den Adria-Zugang) einschränken wolle. Überdies respektiere das Nachbarland das Privateigentum nicht und halte mit seiner Armee immer noch einen kroatischen Gebietsstreifen besetzt. Kroatien habe jetzt das "wahre Gesicht" von Ländern kennengelernt, "die wir als befreundet betrachteten".

Die kroatischen Politiker sollten aber von den Slowenen lernen, wie man kompromißlos nationale Interessen vertritt, anstatt "unakzeptable Grenzabkommen zu paraphieren" – was Regierungschef Ivica Racan getan habe. Dieser Leitartikel muß im größeren Zusammenhang gesehen werden. Der kroatischen Kirche ist die verzweifelte Mediensituation bekannt: In Kroatien gibt es fast nur noch linke Zeitungen und Magazine, die zum Teil in ausländischem Besitz sind. Glas koncila versucht also ein publizistisches Gegengewicht gegen das linke Pressemonopol zu schaffen.

Wieder einmal wird die Kirche zur Sprecherin für das kroatische Nationalbewußtsein – auch und gerade gegenüber Brüssel.

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