Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Bretonischer Musketier

Jean-Marie Le Pen beginnt mehr und mehr einem altehrwürdigen amerikanischen Senator zu gleichen. Wie die großen Filmstars achtet er auf Form und Figur. Selbst seine ärgsten Feinde geben mittlerweile zu, daß er der beste politische Redner Frankreichs ist und bleibt. Der hervorragende Sänger hat ein riesiges Repertoire drauf, in dem auch kommunistische Lieder vorkommen. Er ist ein Multitalent, das sich ebenso charmant wie stürmisch zu geben weiß. Seine Worte treffen immer ins Schwarze. Aus einfachen Verhältnissen stammend, gefällt er sich in der Rolle eines Fürsprechers der „kleinen Leute“, des France d’en bas. Le Pen hat schon viele Leben hinter sich. Am 20. Juni 1928 im bretonischen Fischerstädtchen La-Trinité-sur-Mer (Distrikt Morbihan) geboren, trifft ihn und seine nicht von Reichtümern gesegnete streng katholische Familie im Juni 1942 ein schwerer Schicksalsschlag: Sein Vater kommt ums Leben, als eine Treibmine sein Fischerboot versenkt. Nach Abschluß der Volksschule besuchte der Halbwaise Le Pen ein Jesuitenkollegium, was seine Bindung an den Katholizismus vertiefte. Seine politische Taufe erlebte er während seines Politik- und Jurastudiums in Paris, als er Vorsitzender einer Studentenverbindung wurde. Schon damals war er „national“ gesinnt. 1954 schloß er sich als Unterleutnant eines Fallschirmjägerregiments der Fremdenlegion dem französischen Expeditionskorps in Indochina an. Als Kandidat und bester Redner der rechtspopulistischen „Union zur Verteidigung des Mittelstandes und der Handwerker“ (UDCA) von Pierre Poujade wird er 1956 – erst 27jährig – der jüngste französische Abgeordnete in der Nationalversammlung und einer der wenigen, die sich für sechs Monate als Soldaten verpflichteten. Er nahm am Suez-Krieg teil und diente unter General Massus in Algerien. Nach seiner Rückkehr setzte Len Pen sich aktiv dafür ein, daß Algerien französisch blieb. Nachdem dieser Traum mit der algerischen Unabhängigkeit am 3. Juli 1962 ausgeträumt war, unterstützte er die Präsidentschaftskandidatur des Anwalts Jean-Louis Tixier-Vignancour und verlieh dessen Wahlkampf eine stark antigaullistische Prägung – doch Tixier-Vignancour kam über den Kreis der Algerien-Veteranen nicht hinaus und scheiterte 1965 mit 5,19 Prozent. Im Jahr 1972 gründete Le Pen den Front National (FN) und erklärte die abgewandelte Flamme der Mussolini-nostalgischen italienischen Sozialbewegung (MSI) zu seinem Symbol. Lange Zeit kam seine Bewegung – die als eine der ersten gegen die Einwanderung Front machte – über lächerliche Ein-Prozent-plus-X-Wahlergebnisse nicht hinaus. Erst 1981 setzte die Machtübernahme der Linken unter Staatspräsident François Mitterrand dieser Randständigkeit ein Ende. Zum ersten Mal wurde dies bei den Europawahlen im Juni 1984 offenkundig: Mit 10,95 Prozent der Stimmen zog der FN mit der damals in Paris mitregierenden Kommunisten gleich und errang zehn Sitze im Europaparlament, wo der FN fünf Jahre lang mit dem italienischen MSI kooperierte. Das von Mitterrand zur Schwächung der bürgerlichen Parteien eingeführte Verhältniswahlrecht sorgte für einen zweiten Achtungserfolg bei den Wahlen zur französischen Nationalversammlung im März 1986 – 9,65 Prozent und 35 Sitze. Am 26. April 1987 verkündete Le Pen aus seinem Geburtsort, bei den Präsidentschaftswahlen antreten zu wollen. Er baute auf die Außenseiter-Strategie, führte einen Wahlkampf von beeindruckender Dynamik und lag nach der ersten Wahlrunde mit 14,39 Prozent (4,3 Millionen Stimmen) an vierter Stelle. Bei den Europawahlen im Juni 1989 erreichte der FN 11,73 Prozent und konnte wieder zehn Abgeordnete, darunter Le Pen, nach Straßburg entsenden und dort erstmals eine eigene Europafraktion bilden: zusammen mit dem MSI, den sechs deutschen Republikanern und dem Vlaams-Blok-Gründer Karel Dillen. Die FPÖ verweigerte sich einer Zusammenarbeit, der MSI blieb vor allem wegen der Südtirol-Frage außen vor. Während seine FN-Parteifreunde immer mehr von der politischen Macht träumten, blieb Le Pen seiner schon sprichwörtlichen Unberechenbarkeit treu. Die Linke, die seit jeher seine Verteuflung betrieben hatte, nutzte sein Schleudern weidlich aus. Die Wiedereinführung des Mehrheitswahlrechts – unter anderem auch wegen des FN-Wahlerfolges von 1986 – verbannte den FN bei den vorgezogenen Neuwahlen im Juni 1988 wieder aus dem französischen Parlament: bei unverändertem Wahlergebnis (9,65 Prozent) konnte der FN nur noch einen Abgeordneten entsenden. Bei den Parlamentswahlen im März 1993 steigerte der FN sein Ergebnis auf 12,52 Prozent und konnte dennoch keinen Sitz erringen, bei der Europawahl 1994 reichten 10,51 Prozent für elf Straßburger Mandate. Bei der Präsidentschaftswahl 1995 kam Le Pen auf 15 Prozent, im Mai 1997 brachte es der FN bei den Parlamentswahlen auf 15,24 Prozent und konnte – aufgrund des Mehrheitswahlrechtes – lediglich ein Mandat erreichen. Frustriert vom – trotz der Wahlerfolge – geringen politischen Einfluß und infolge interner Querelen kam es 1999 zur Spaltung der Partei: FN-Vize Bruno Mégret wollte die Partei für die bürgerliche Rechte koalitionsfähig machen, Le Pen den traditionellen Kurs fortsetzen. Die Quittung gab es schon bei der Europawahl im Juni 1999, der FN konnte mit 5,69 Prozent nur noch fünf Abgeordnete nach Straßburg entsenden, Mégrets Mouvement National Républicain (MNR) scheiterte mit 3,28 Prozent. Damit schien eine der politischen Erfolgsgeschichten der achtziger Jahre beendet zu sein. Vor den Präsidentschaftswahlen im letzten Jahr hatten die politischen Beobachter den damals 73jährigen Le Pen daher bereits abgeschrieben. Um so größer war die allgemeine Überraschung, als Le Pen im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen den sozialistischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin mit 17,02 Prozent überrundete und den amtierenden Präsidenten Jacques Chirac in arge Bedrängnis brachte. Auf allen Seiten brach Hysterie aus, und Chirac konnte die Stichwahl im Mai 2002 klar für sich entscheiden – Le Pen kam wegen der gesteigerten Wahlbeteiligung lediglich auf 17,79 Prozent. Bei den Parlamentswahlen im Juni 2002 erreichte der FN 11,12 Prozent, aber wieder kein einziges Mandat. Le Pen, den seine engsten Freunde als „Menhir“ bezeichnen, steht nach wie vor an der Spitze des FN. Wenn es nach ihm geht, wird er dort weit über seinen 75. Geburtstag am 20. Juni hinaus verweilen. Manche fragen sich, was ihn immer wieder zum Weitermachen bewegt. Seine Anhänger sagen, es sei nicht Machtgier, so sehr es diesen Anschein haben mag. So wird er auch bei den Präsidentschaftswahlen 2007 noch dabeisein.

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