Von Budapest nach Kiew oder Belgrad Carl Gustaf Ströhm

Der „Blick nach Osten“ zeigt sogar altgedienten Chronisten Abgründe, die man längst zugeschüttet wähnte. So erging es dem Verfasser dieser Zeilen, als er am 25. Februar in Budapest seinen – für deutsche Verhältnisse – biederen VW-Passat im Budapester Diplomatenviertel, in der Lendvay utca parkte, um sich in der gegenüberliegenden Botschaft von Estland anläßlich des Nationalfeiertages einen dunklen Anzug anzuziehen und zum Empfang zu eilen. Als der Wiener Gast zwanzig Minuten später aus dem Botschaftsportal auf die Straße trat, war der Wagen verschwunden: gestohlen, trotz eingeschalteter Alarmanlage und Wegfahrsperre – am hellichten Tag. Zuvor war ihm mehrfach versichert worden, daß hier in Sichtweite der Botschaften Rußlands und Frankreichs nichts passieren könne, weil ständig Polizei patrouilliere und auf die vielen parkenden Diplomatenwagen aufpasse. Aus einem unbeschwerten ungarisch-estnischen Fest wurde für die Chronisten ein Canossagang zur ungarischen Polizei, die sich nicht sonderlich interessiert zeigte. Ein Deutsch sprechender Polizeidolmetscher erschien erst nach Stunden. Während der Abfassung des Protokolls zuckte er mit den Achseln und sagte nur: „Bei uns herrscht die Auto-Mafia. Ihr Wagen ist schon längst in Richtung Serbien oder in die Ukraine unterwegs.“ Erst später erfuhr der Chronist, daß allein in Budapest jährlich über sechstausend Autos gestohlen werden – was einem Durchschnitt von etwa 16 Wagen pro Tag entspricht. Durch Schaden wird man klüger: der Chronist hatte noch das „alte“ Budapest im Sinn, als man kurz vor und nach der Wende 1989 seinen Wagen unbesorgt parken konnte. Heute steht Ungarn in der PKW-Diebstahl-Statistik österreichischer Kfz-Versicherer an „führender“ Stelle. Die Ursache dafür liegt auf der Hand: die einst scharf kontrollierten Grenzen nach Osten sind weit offen. Aus Rumänien, der Ukraine, aus Rußland und dem Kaukasus drängen die verschiedensten kriminellen Organisationen nach Ungarn. Budapest ist auch für sie das Tor nach Westen. Die ungarische Polizei ist schlecht bezahlt, wenig motiviert und nicht modern ausgerüstet, bei gerade mal zwei Prozent Arbeitslosigkeit gibt es attraktivere Beschäftigungsmöglichkeiten. Das Polizeirevier des VI. Bezirks – also des einst „elitären“ Diplomatenviertels – sieht trostlos aus. Keiner der Beamten sprach Englisch oder Deutsch – und die Atmosphäre erinnerte an Nikolai Gogols „Revisor“: ein bedrückender Kontrast zu dem strahlenden Budapest an der Donau. Ein ungarischer Freund sagte: „Seid froh, daß wir die kriminelle Flut aus dem Osten hier auffangen – sonst könntet Ihr demnächst auch in Wien oder München nicht mehr Eure Autos parken!“ Wenn Ungarn demnächst in der EU ist und später die Westgrenzen entsprechend des Schengen-Vertrages offen sind, werden die „reichen“ EU-Mitglieder nicht umhin können, die ungarische Polizei auf Kosten der westlichen Steuerzahler zu modernisieren und die Beamten so zu entlohnen, daß es für sie keinen Anreiz mehr gibt, vor der Mafia die Augen zu verschließen. Erst vor wenigen Tagen hat der ungarische Polizeigeneral Mihály Arnold in der linksliberalen Tageszeitung Magyar Hírlap darüber geklagt, „daß immer mehr Beamte ihr Wissen an die Mafia verkaufen.“ „Wahrscheinlich ist Ihr Auto schon von der Grenze weg gewissen Interessenten gemeldet, beschattet und verfolgt worden“, sagte ein Kenner der Szene. Auch das gehört leider zur „Osterweiterung“.

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