Kontinuität auf slowenisch Carl Gustaf Ströhm

Wie sehr die Slowenen – das Zwei-Millionenvolk am Südostrand der Alpen – eine konservative Nation sind, zeigte sich bei der zweiten Runde der Präsidentenwahlen. Zwar wurde die bürgerliche Kandidatin Barbara Brezigar mit 42 Prozent besiegt. Der Erfolg gehörte dem bisherigen Ministerpräsidenten Janez Drnovsek von den Liberaldemokraten (LDS). Aber diese LDS ist, obwohl Mitglied der Liberalen Internationale, ein Nachfolger des titokommunistischen Jugendverbandes aus der jugoslawischen Zeit. Auch der 52jährige Drnovsek selber ist, ähnlich wie sein Amtsvorgänger Milan Kucan (der vom letzten KP-Chef zum ersten demokratischen Präsidenten Sloweniens mutierte) ein Produkt der roten Nomenklatura. Beide aber haben, fast über Nacht, vom Tito-Kommunismus auf die bedingungslose Mitgliedschaft in Nato und EU umgeschaltet. Insofern ist also die Mehrheit der Slowenen in der Tat „konservativ“. Sie wählte mit 58 Prozent Drnovsek zum Staatsoberhaupt. Mit fast der gleichen Mehrheit hatte sie seinerzeit Ex-KP-Chef Kucan auf den Schild gehoben. So entsteht das Paradox, daß ein konservatives Völkchen, daß zu weit über 70 Prozent katholisch ist – in seinem neugewonnenen Staat wie kaum eine andere Nation die Kontinuität aus Titos Zeiten aufrecht erhält. Konservatismus ist hier also weniger ein Inhalt als eine Lebensform. Natürlich gibt es dafür auch vordergründige Erklärungen. Das bürgerlich-nationale, antikommunistische Lager in Slowenien ist zerstritten und zersplittert. Nur einmal, kurz nach der Unabhängigkeit, hatte Slowenien mit dem Wahlbündnis „Demos“ eine rechtsbürgerliche, christdemokratische Mehrheit. Diese war nicht von langer Dauer. Viele Slowenen wollten offenbar die überlebenden Märtyrer und Freiheitskämpfer gegen den Kommunismus nicht so gern an der Spitze von Staat und Regierung sehen. So verlor der Soziologieprofessor Joze Pucnik, einer der führenden antikommunistischen Sozialdemokraten, langjähriger politischer Häftling, danach Emigrant in Deutschland, 1992 die ersten Präsidentschaftswahlen gegen den Wendekommunisten Kucan. Junge Journalisten aus der nicht-linken slowenischen Ecke bezeichneten Pucnik, der mit einer Deutschen verheiratet ist, als „unseren slowenischen Havel“. Der Unterschied ist nur: die Slowenen haben – anders als die Tschechen – „ihren“ Havel niemals in die Präsidentenresidenz einziehen lassen. Im Ländchen südlich der Karawanken stehen fast überall noch die kommunistischen Partisanendenkmäler – und die jüngste Geschichte Sloweniens, der blutige Bürgerkrieg zwischen slowenischen Kommunisten und Antikommunisten (1941-45), wird amtlicherseits am liebsten unter den Teppich gekehrt: vor allem die Massenmorde an Hunderttausenden slowenischen Antikommunisten, kroatischen Soldaten und Zivilisten, deutschen Kriegsgefangenen und volksdeutschen Bürgern nach Ende des Krieges. Zugleich wird verschleiert, daß das vom Westen gehätschelte „Musterländchen“ Slowenien in bezug auf Privatisierung der Wirtschaft eher reformscheu agiert, daß Netzwerke und Seilschaften alter Genossen große Teile der Wirtschaft und fast alle Medien beherrschen – so daß es in Slowenien keine einzige regierungskritische Tageszeitung gibt. Daß das Fernsehen gleichfalls in einschlägiger Hand ist, versteht sich von selbst. In einer seltsamen Mischung aus konservativer Weltsicht und Zukunftsangst haben die Slowenen auch diesmal wieder ihre Wahlentscheidung getroffen.

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