Die hohlen Phrasen der spitzen Feder

Österreich und Deutschland – das sind zwei Länder, die durch eine gemeinsame Sprache voneinander getrennt werden. Dieser Ausspruch – einst auf England und die USA gemünzt – kam einem bei der Lektüre der Welt am Sonntag in den Sinn, als diese sich am 3. März mit dem Herausgeber und Teil-Eigentümer der Kronen Zeitung, Hans Dichand, und seiner Haltung zum Kärntner „Gottseibeiuns vom Dienst“, Jörg Haider, beschäftigte. Der Artikel „Liebesentzug in Wien“ der Wiener Format-Journalistin Petra Stuiber erweist sich als Musterbeispiel des vorsätzlichen Mißverstehens österreichischer Zusammenhänge – und zugleich auch als Symptom für das unaufhaltsame Abdriften der (zu Lebzeiten des Verlegers Axel Springer) konservativen Zeitungen in platteste „political correctness“ und linke Phraseologie. Schon der Einstieg im ersten Satz ist schlichtweg falsch: „Sie (die Kronen Zeitung) hat ihn (Haider) groß gemacht, nun läßt sie ihn fallen“. Was immer man über ihn sagen mag – Haider ist weder von der Krone noch von einem anderen Medium „gemacht“ worden. Haider war, als er 1986 die FPÖ-Führung übernahm, eine eigenständige Erscheinung der österreichischen Politik. Die Argumentation der im Juni 2001 mit dem grünen Journalistinnenpreis „Spitze Feder“ prämierten Autorin gegenüber dem Wiener Massenblatt ist teilweise abstrus, teils geradezu komisch. Die Krone, heißt es da, habe Haider eine „Bühne für seine ausländer- und elitefeindlichen Ausfälle geboten.“ Eine solche Kombination – Ausländerfeindlichkeit hier, Elitefeindlichkeit dort – ist in sich widersprüchlich. Galten bei den Linken nicht bislang die „Elitären“ als die eigentlichen Übeltäter? Dann aber wird es grotesk. Stuiber zitiert den früheren Salzburger Publizistikprofessor Peter A. Bruck, der die Krone Anfang der neunziger Jahre (!) als „anti-demokratisch, demagogisch, denunzierend und bewußt rechthaberisch“ bezeichnet hat und dem Blatt „Reißertum, verbale Schnelljustiz und arrogante Selbstbeweihräucherung“ attestierte. Sind das aber nicht jene Vorwürfe, die 1968/69 die APO-Aktivisten („Außerparlamentarische Opposition“) dem Springer-Konzern machten (und heute noch machen)? Auch damals hieß es, Springers Blätter – voran die Bild – seien antidemokratisch, arrogant, reißerisch, selbstgefällig. Das gipfelte dann in der Forderung „Enteignet Springer“, und in Bombenattentaten auf das Springerhaus. Auch der folgende Satz der „spitzen Feder“ in der WamS könnte aus einem linken Anti-Springer-Pamphlet stammen – lediglich „Österreich“ müßte durch „Deutschland“ ersetzt werden: „Geschrieben wird, was an Österreichs Wirtshaus-Stammtischen mehrheitsfähig ist – und wenn es noch so unappetitlich ist.“ Dies sei stets das „Credo“ des inzwischen 81jährigen Hans Dichands gewesen. Auch hier stolpert die preisgekrönte Journalistin – und damit die WamS – über ihre eigenen Füße: Die linke Verachtung der „Stammtische“ läuft auf eine Verachtung der Mehrheit hinaus. Auch die Springer-Journalisten – vor allem jene bei den (noch) nicht defizitären Massenblättern – leben von den Stammtischen, dem normalen Leser, der die Zeitung am Kiosk kauft. Sich über den „kleinen Mann“ derart zu erheben, zeugt von Arroganz – aber auch von Torheit. Und daß der Zeitungsmagnat Dichand nichts anderes im Sinn hätte, als „unappetitliche“ Dinge zu publizieren, haben bisher nicht einmal seine schärfsten Kritiker behauptet. Wobei noch zu fragen wäre: Wer bestimmt, was appetitlich ist? Leider nicht zum ersten Mal muß man in einem Blatt, das zum führenden (bis 1985 konservativen) Zeitungshaus Deutschlands gehört, eine Verächtlichmachung des Begriffes „konservativ“ bemerken. Der St. Pöltener Diözesanbischof Kurt Krenn wird als „fundamental-konservativ“ charakterisiert. Es wird moniert, daß dieser katholische Oberhirte in der Kronen Zeitung eine ständige Kolumne schreiben darf. Verschwiegen wird allerdings, daß ein ausgesprochen „liberaler“ Erzbischof, wie der Wiener Kardinal Schönborn, gleichfalls eine regelmäßige Kolumne in der Krone hat. Geradezu skurril wird es aber, wenn der Kronen Zeitung angelastet wird, sie bringe „reißerische Berichte über ausländische Drogendealer, (aber) ein paar Seiten weiter einen Spendenaufruf für afghanische Flüchtlingskinder.“ Als ob das eine das andere ausschließen müßte. Im übrigen – in Wien befindet sich die Rauschgiftszene weitgehend in den Händen exotischer Dealer. Gehört es zum neudeutschen Begriff von Pressefreiheit, dies den Lesern zu verschweigen? Ähnlich wie einst den Springer-Zeitungen unterstellt wurde, mit ihren Bild-Kampagnen an „niedere Instinkte“ zu appellieren, geht nun die WamS auf die Kronen Zeitung los: Letztere habe das Volksbegehren der FPÖ gegen das tschechische Atomkraftwerk Temelín nur unterstützt, weil „die Verknüpfung von Umweltanliegen und antitschechischen Ressentiments in Österreich immer gut ankommt.“ Kommt dafür jetzt bei den WamS-Lesern eine Kombination von Ignoranz und anti-österreichischen Vorurteilen besonders gut an? Unfreiwillig gibt die WamS auch eine in Deutschland weit verbreitete journalistische Sichtweise wieder. Da habe doch der westdeutsche WAZ-Konzern, der zur Hälfte Miteigentümer der Kronen Zeitung ist, bei Dichand gegen dessen kritische Haltung in Sachen EU-Osterweiterung protestiert – denn der WAZ-Konzern (immer schon SPD-nah und neuerdings unter der Führung des Ex-Schröder-Vertrauten Bodo Hombach) betrachte den Osten als Hoffnungsmarkt – für sich selber jedenfalls. Mit einem „gewissen Starrsinn“ wolle Dichand – so die WamS – nun die Essener Miteigentümer herauskaufen. Offenbar hält man es inzwischen in den Springer-Blättern für ganz normal, daß über den Inhalt Wiener und österreichischer Zeitungen nicht mehr vor Ort, sondern in Nordrhein-Westfalen entschieden wird. Wer selbst im (medialen) Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen, auch nicht in Richtung Wien. Was nun die zugegebenermaßen schillernde und facettenreiche Persönlichkeit des Verlegers Dichand betrifft, so ist es für deutsche Verhältnisse nicht nachvollziehbar, daß der Krone-Chef über beste Beziehungen zum Wiener SPÖ-Bürgermeister verfügt und diesen auch politisch fördert. Das ist die für Bundesdeutsche oft unbegreifliche Wirklichkeit: daß ein als „rechts“ verschriener Verleger wie Dichand Sozialdemokraten wie den Wiener Altbürgermeister Helmut Zilk oder Günter Nenning zu Wort kommen läßt. Letzterer bezeichnet sich sogar als „Sozi“, der bei seiner Partei in Ungnade gefallen ist. Dichand ist nicht erst seit gestern ein Gegner der ÖVP/FPÖ-Koalition von Kanzler Schüssel, sondern schon seit langem ein Anhänger von Rot-Schwarz. Insofern stößt die WamS ins Leere. Wien ist anders – wer das nicht begreift, hat nichts begriffen. Die Welt am Sonntag sollte in Österreich nach besseren Federn suchen.

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