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Erinnern und nacherleben

Ein ohrenbetäubender Knall ertönt, Rauch senkt sich auf die Wiese, und die Luft ist gefüllt mit beißendem Pulvergestank: Soeben hat der schwarzgekleidete Kanonier auf Kommando an einer Schnur gezogen und einen Schuß abgegeben. Kurz darauf folgen einige Salven aus schweren Vorderladergewehren. Die „Schlacht“ hat begonnen an diesem Mai-Sonnabend etwa zwanzig Kilometer südlich von Braunschweig. Doch wenn die Truppen Napoleons – seine kaiserliche Garde, französische Linieninfanterie oder sächsische Jäger – auf ihre Gegner, die Westfälische Landwehr, das Braunschweigische Feldkorps oder die britische King’s German Legion, treffen, fließt kein Blut, sondern Schweiß.

Nicht immer ist es mit der Authentizität ganz einfach

Mit insgesamt über 700 Aktiven fand hier Mitte Mai auf dem Rittergut Dorstadt eine der größten Geschichts-Inszenierungen statt, neudeutsch „Reenactment“ genannt. Mehrere tausend Besucher sahen sich das Spektakel an, das sich im Unterschied zu den meisten solcher Veranstaltungen nicht auf die Darstellung einer Epoche beschränkte. Mit insgesamt zehn „Zeitinseln“ sollte vielmehr die zweitausendjährige Geschichte einer Region nachempfunden werden. So traten Darsteller als Römer und Germanen, Welfen und Staufer, als Söldner aus dem Dreißigjährigen Krieg auf; es fehlten aber auch nicht die Kostüme aus der Ära Kaiser Wilhelms II. oder typische Szenen aus der „Stunde Null“. Den Hauptschwerpunkt bildeten die Darsteller, die sich der napoleonischen Zeit verschrieben haben.

Das Streben nach Authentizität ist allen gemeinsam, die Leidenschaft für Historisches auch. Doch nicht die „Schlachten“ sind das Wesentliche, sondern die Darstellung des Soldatenalltags, heißt es bei der Interessengemeinschaft „Alte Armee“, die sich der „feldgrauen Zeit“ von 1910 bis 1918 verschrieben hat. Vielen Besuchern werde so wieder ein persönlicher Bezug zum Leben der eigenen Groß- oder Urgroßväter vermittelt. Einen weiteren Zweck ihres Tuns sehen manche auch darin, verfestigte Klischees zu beseitigen – offenbar nicht ohne Erfolg: „Noch vor zehn Jahren war es völlig verpönt, mit einer Pickelhaube herumzulaufen“, berichtet Christian Peter, Mitglied im Infanterieregiment Nr. 30. Er selbst sei mit seinem preußisch-blauen Waffenrock auch schon als „Soft-SS“ tituliert worden. Mittlerweile werde diese Ära jedoch wieder positiver bewertet. Wie zum Beweis drängen sich zahlreiche Besucher um das Zelt der Darsteller.

Daß es mit der Authentizität schwierig werden kann, beweist die erkennbare Lücke zwischen 1918 und 1945. Dieser Zeitspanne ist die letzte „Zeitinsel“ gewidmet. Ein paar Darsteller treten als Rotarmisten – ein kleiner Teil des ehemaligen Freistaats Braunschweig lag tatsächlich in der sowjetisch besetzten Zone – und US-Soldaten samt originalem Fuhrpark auf; die „deutsche Seite“ ist nur mit (Trümmer-)Frauen und Schwarzmarkthändlern repräsentiert sowie einem „Kriegsgefangenen“, an dessen Uniform bereits sämtliche Abzeichen fehlen. Alles darüber Hinausgehende könnte die Veranstalter mit dem Strafgesetz in Konflikt bringen.

Aber auch jenseits zeitgeschichtlicher Klippen muß sich die Darstellung von Geschichte strikten Auflagen unterwerfen. Wer an der Schlachtdarstellung teilnehmen wollte, mußte dem Veranstalter seinen „Schwarzpulver-Schein“, einen amtlichen Nachweis über den sachgemäßen Umgang mit historischen Waffen, vorlegen. Geschossen wird unter anderem mit Nachbauten alter Gewehre. „Die besten sind zur Zeit die italienischen“, verrät Helmut Wittlief, der den „Marsch-Commisarius“ des Preußischen Leib-Infanterie-Regiments darstellt. Dieser zivile Beamte ist zuständig für die Versorgung der Einheit, die sich nach dem überlieferten „Verpflegungs-Reglement“ richtet, so gut es geht.

Wer sich dem nicht unterwerfen muß, konnte dann am Stand einer regionalen Brauerei ein dunkles Bier erstehen, benannt nach Friedrich Wilhelm von Braunschweig, dem „Schwarzen Herzog“, der im Kampf gegen Napoleon 1815 gefallen war.

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