Die Kamera ist immer dabei

Überall auf der Welt werden die Mitglieder und Unterstützer von al-Qaida aufgespürt und gejagt. Trotzdem kontrolliert und lenkt die Dschihadisten-Organisation ihre „Kämpfer“ und Sympathisanten weiter. Wie ist das möglich? Dieser Frage geht der aus Arabien stammende und in Frankreich und Deutschland lebende Regisseur Asiem el Difraoui in seiner Fernsehdokumentation „Die Sprache von al-Qaida“ (Arte, Do., 26. März 2009, 23.30 Uhr) nach.

Difraoui zeigt, daß und wie die Terrororganisation – trotz ihrer Zersplitterung und trotz des weltweiten Verfolgungsdrucks – dennoch in globalem Maßstab operieren kann. Seit vielen Jahren hat er die von al-Qaida produzierten und im Internet verbreiteten Videobotschaften beobachtet. Die Dokumentation, die daraus entstanden ist, führt vor, wie die al-Qaida-Aktivisten das Weltnetz nutzen, und sie versucht, den medialen „Modus operandi“ und die typischen Inhalte und Symbole zu entschlüsseln. Denn: „Kaum ein Anschlag der al-Qaida findet mittlerweile ohne Videokamera statt.“

Die Bilder werden von den Medienkriegern der Organisation ins Netz gestellt. Ohne großen Aufwand kann al-Qaida so mit ihren Netzwerken und Sympathisanten kommunizieren, neue Gefolgsleute anwerben, motivieren und ausbilden. Auch Anleitungen zum Bombenbau und Informationen über Terrortechniken werden im Netz verbreitet. „Ohne das Internet“, so der Kommentar des Films, „könnte al-Qaida gar nicht fortbestehen.“

Ganz neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht. Seit Jahren bekennen Sympathisanten wie der in London lebende Saudi-Arzt Mohammed al-Massari, daß sie die Dschihadisten medial unterstützen. Auf seiner Internetseite zeigte er „Werbevideos“ für Selbstmordattentäter und Filme von Anschlägen auf britische Soldaten und US-Militärs im Irak.

Aber auch die Führung von al-Qaida hat das Internet längst als modernes Kommunikations- und Führungsmittel entdeckt. Mit vielen Fallbeispielen und Expertenaussagen schlüsselt Difraoui seine Geschichte auf. Von dem als „Islamwissenschaftler“ bezeichneten Pariser Politikprofessor Gilles Kepel erfahren wir: „Al-Qaida leistet keine Sozialarbeit, anders als die Organisationen der Muslimbruderschaft tut sie nichts, um den Alltag der Menschen zu verbessern, in den Moscheen ist sie nicht präsent. Al-Qaidas gesellschaftliche Präsenz besteht nur zwischen den Terrorangriffen und den Videos im Internet.“

Daß al-Qaida und Osama bin Laden heute „Markennamen wie Coca-Cola“ sind, haben sie – so der Londoner al-Dschasira-Reporter Yosni Fouda – der Tatsache zu verdanken, daß sie über eine eigene Produktionsfirma, die al-Sabah-Media-Gesellschaft verfügen. Die von ihr hergestellten und bald nach dem 11. September 2001 verbreiteten Originalvideos werden in Difraouis Dokumentation ausführlich und in beeindruckender Weise zitiert. Der Chefplaner des 11. September beispielsweise, Khaled Scheich Mohammed, und Ramsi Binalshib, der Chef der Hamburger Zelle, berichten hier ausführlich über die Vorbereitungen der Anschläge auf das World Trade Center – die al-Qaida-Kameramänner zeigen jede Etappe des Trainings der Attentäter.

Im Film kommt auch ein als „Sprecher Bin Ladens in Europa“ bezeichneter Scheich Omar Bakri aus London zu Wort: „Die Kommunikation via Internet ist für die weltweit verstreuten Zellen der Kämpfer ein Kinderspiel. Sie wissen alles, wie man hackt, wie man sich selbst vor Hackern schützt und wie man seine Spuren im Internet verwischt. Geheime Chatrooms, ständig wechselnde Internet-Adressen, vertrauliche Diskussionsforen …“.

In Europa gibt es nur eine Handvoll Experten, die sich in diesem virtuellen Labyrinth auskennen. Einer von ihnen kommt auch zu Wort, ein Verfassungsschützer sagt in ungelenken Worten: „… ab einer bestimmten Ebene muß man sozusagen in dem soziokulturellen Raum dieser Gruppierung verhaftet sein, das heißt, zum Beispiel, muß man wissen, wie der Imam der Moschee in meinem Nachbarort sozusagen heißt, um eine bestimmte Vertrauensbasis zu schaffen. Und da weisen sich natürlich Grenzen auf.“

Interessanter sind da schon die Einblicke, die der Film an der US-Offiziersschule West Point bietet. Die zukünftigen US-Offiziere sollen hier lernen, daß der Kampf gegen die „Internet-Terroristen“ genauso wichtig ist wie der gegen Selbstmordattentäter. „Denn das Überleben der Terroristen hängt von ihrer Fähigkeit ab, das Internet zu manipulieren, und unserer Fähigkeit, sie darin zu bekämpfen.“ Das ist auch die Erkenntnis, die der Film insgesamt vermitteln will.

Foto:  Islamistische Videobotschaften: Mohamed al-Massari, radikaler Aktivist, ist aktiv an der Kommunikation via Internet beteiligt

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