Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

T-Shirts statt Tonträger

Die Musikindustrie wußte, worauf sie sich einließ, als sie die analoge Schallplatte durch die digitale CD ersetzte, deren Informationen beliebig oft identisch kopiert werden können. Aber die Versuchung, den Musikfans ihre Schallplattensammlung ein zweites Mal auf CD zu verkaufen, war größer als die Weitsicht. Aus diesem Grund ist von der Musikindustrie heute nicht mehr viel übrig. Die Wertschöpfung ist zusammengebrochen. Grund dafür ist, daß die junge Generation der Musikhörer kein physisches Tonträgeralbum mehr benötigt, sondern nur noch einzelne „Songs“ hört, deren Interpret letztlich egal ist. Musik besteht nur noch aus Megabytes auf dem iPod. Die verbliebenen zehn Prozent klassischen Musikhörer, die mehr als sechs Alben im Jahr kaufen, werden von den Phonokonzernen mit aufwendigen Sondereditionen verwöhnt, deren Margen durch die Produktionskosten aber äußerst mager sind. Kein Wunder, daß die Musikindustrie geradezu panisch auf sogenannte Raubkopierer reagiert. Die Manager der Plattenfirmen müssen also neue Vertriebswege erschließen. Neue Ansätze verspricht die Branchenmesse „Popkomm“, die vom 8. bis 10. Oktober in Berlin stattfindet. „Neue Impulse für den Handel und die Inszenierung von Künstlern“ will Popkomm-Chef Dieter Gorny seinen internationalen Geschäftspartnern bieten. Gorny war VIVA-Geschäftsführer und ist inzwischen Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie. Statt langhaariger Rockmusiker bevölkern also vor allem Business-Schlipsträger den Popmusik-Kongreß. Insbesondere lokale Musikhändler machen heute längst mehr Umsatz mit Fanartikeln („Merchandising“), als mit Tonträgern. Ein T-Shirt kann man eben nicht „downloaden“. Um die Summen, welche die jungen Musikhörer nicht mehr für CDs ausgeben, zu kompensieren, sucht man nach rettenden Händen von Großsponsoren. Coke oder Jägermeister haben in diesem Jahr allein in den USA zwei Milliarden US-Dollar für den „Imagetransfer“ durch die Präsentation im Umfeld angesagter Rockgruppen bezahlt. Andererseits setzt die notleidende Musikindustrie auf die Geisteskraft junger Genies, die im BWL-Seminar gut aufgepaßt haben. Wer der Musikwirtschaft die beste Gelddruckmaschine präsentiert, gewinnt den Innovationspreis IMEA („Innovation in Music and Entertainment Award“). Spanier entwickelten eine Software, die Dieter Bohlen ersetzt: Das Programm ermittelt die Gesangsleistung eines Vorsängers automatisch. Niederländer erfanden eine Plattform, auf der Einzelhändler sich aus diversen Musikstücken, Videos und Bildern selbst ein „digitales Endprodukt“, also ein virtuelles Musikalbum erstellen können. Um das globale Angebot von Liedern in Online-Läden, Netzwerken wie MySpace oder Youtube als Musikliebhaber überhaupt noch überschauen zu können, konstruierten britische Bastler Suchprogramme, die das Netz durch Anwendung künstlicher Intelligenz nach persönlichem Geschmack durchforsten. Einer der sechs Wettbewerbsteilnehmer wird während der Popkomm wenigstens 3.000 Euro Preisgeld für seine Idee bekommen. Ob sie der Musikindustrie jemals Gewinn bringt, ist ungewiß. Neben den Problemen der Wertschöpfung steht aber auch noch das Produkt selbst im Interesse: die Musik. Und die spielt diesmal vor allem im offiziellen Partnerland Türkei. Kein Zufall: Die türkischen Internetnutzer sind ein großer Wachstumsmarkt für die Verwertung von Urheberrechten. Die Türkei profitiert ebenfalls: Durch den Export von „Turkish Folk & Traditional Turkish Music“ „bietet sich der Türkei die Gelegenheit, ihre Werbe- und Imagepolitik weiter auszubauen“, freut sich der türkische Minister für Kultur und Tourismus, Ertugrul Günay, in seinem Grußwort. „Ethnische und religiöse Kultur lassen ihre authentischen Eigenschaften in der Musik aufleben“, erklärt Günay und begrüßt darum die Akzeptanz türkischer Volksmusik bei westlichen Musikfans. In der Tat: Die jungen Musikhörer goutieren die volkstümlichen Arabesken in der türkischen Popmusik als exotische Folklore, vor allem, wenn sie mit westlichen Rhythmen gemischt erklingt. Warum sollte diese Unbefangenheit eigentlich nicht dazu führen können, auch die Musiktradition des eigenen Kulturkreises wieder neugierig zu entdecken?

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