Furcht vor der Mamamanie

Unter dem Titel „Heilige Mutter“ hatte das Magazin der Süddeutschen Zeitung folgende Frage zur Diskussion gestellt: „Warum beten Medien und Gesellschaft nur noch Frauen an, die ihre Elternschaft zur Schau stellen?“ Der reißerische Aufmacher, bebildert durch eine mariengleiche Angelina Jolie samt ihrer mutikulturellen Kinderhorde, ist zunächst mal ein großer Schmu: Damen, die öffentlich gepriesen werden und entsprechend häufig zu Wort oder ins Bild kommen, heißen unter (ungezählten) anderen Barbara Schöneberger, Alice Schwarzer, Anne Will, Thea Dorn, Necla Kelek, Iris Hanika, Johanna Wokalek, Elke Heidenreich, Juli Zeh. Sie verbindet neben Popularität die Kinderlosigkeit. Wo würden sie „totgeschwiegen“ oder gar aufgrund ihrer Gebärenthaltung kritisiert? Hinzu kommen jene telegenen Mütter, die ihre Elternschaft keinesfalls zur Schau stellen. Auch diese Liste wäre endlos. Dennoch birgt die These einen interessanten Kern: Mutterschaft scheint keinen Minuspunkt mehr darzustellen für karrierewillige Frauen. Schon vor Jahren hatte Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ihre Kinderschar offensiv als Bonus zu nutzen gewußt, die kesse FDP-Europaparlamentarierin Silvana Koch-Mehrin tat es ihr nach, und in überseeischen Gefilden will man mit Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin bewußt deren fünffache Mutterschaft nutzen. Gleiches gilt für die Hochglanzwelt. Angelina Jolie, Sarah Connor, Gwen Stefani und Heidi Klum lassen nichts unversucht, um jenes Klischee auszuhebeln: daß Mutterschaft vielleicht stressig und aufreibend, womöglich erfüllend und Zeichen von Reife sei, aber eines keinesfalls — sexy. Ein paar Szeneausdrücke verhalfen zum Eindruck, daß wir es mit einer paradigmatischen Wende zu tun hätten: von der Kinderphobie zur „Mamamanie“, wie das SZ-Magazin den Jungmütterrummel ausdrückt. Neben den „Yummy Mummies“, den „leckeren Muttis“, zu denen gertenschlanke, erlesen gekleidete Stars wie Liz Hurley und Victoria Beckham gezählt wurden, gesellten sich durch den Kinohit „American Pie“ die „MILFS“. Bis dahin galt MILF als islamische Terrorgruppe, hernach stand die Abkürzung für „Mom I’d like to f….“ — damals war das als anzügliches, aber doch schmeichelhaftes Kompliment gemeint für Mütter, die sich Attraktivität und Coolness bewahrt hatten. Wo heute noch die MILFS durch den journalistischen Sprachraum tingeln, geschieht das sicher in Unkenntnis darüber, daß aus dem Kurzwort mittlerweile ein knallhartes Porno-Genre geworden ist. Dieser Bedeutungswandel aber kommt nicht von ungefähr. Schließlich ist es nicht so, daß die Renaissance publikumstauglicher Mutterschaft etwas mit sorgender Mütterlichkeit zu tun hätte, wie sie die vielgescholtenen Autorinnen Eva Herman oder Lafontaine-Gattin Christa Müller im Sinne führen. Im Gegenteil: Der Promi-Kinder-Boom verheißt eine Steigerung des Mottos „Ich will alles“. Nicht nur schön und begehrenswert bleiben, auf Annehmlichkeiten wie Shopping und Partyabende nicht verzichten, sondern gleichzeitig einen lässigen Namen vergeben (müßig, hier die entsprechenden Kreationen der Frauen Jolie, Ochsenknecht oder Kidman vorzuführen) und ein wahres selfmade-Produkt präsentieren zu dürfen. Kinderproduktion als Verlängerung des eigenen konsumfreudigen Ichs: Darum geht’s, wo Modedesigner „coole“ Wickeltaschen (kindgerecht „ohne Nickel und Cadmium“) in Tarnfarben anbieten, wo Bücher wie „Warum Mama eine rosa Handtasche braucht“ oder das „Yummy Mummy Manifesto“ (Wie halte ich mich bei Morgenübelkeit auf meinen Stilettos?) besten Absatz finden. Die Mutterkultskeptiker haben keinen neuen Babyboom unter dem Zeichen eines neuen Selbstbewußtseins zu befürchten. Eher dürfte es so sein: Die tonangebende Gruppe medienpräsenter Frauen ist nun a) verspätet, eben erst mit knapp 40, und b) mit gehörigem Rückenwind (Vereinbarkeitspolitik!) in die (optionale!) Gebärphase eingetreten und versucht sich an einer poppigen Neuerfindung des uralten Menschheitsthemas.  Ein erstklassiges Beispiel, wie es gehen kann, ist Katja Keßler, Gattin von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Früher verging kaum ein Tag, an dem die damals gut Dreißigjährige in ihrer Bild-Klatschecke nicht ausgiebig die Ekelhaftigkeit von schwangeren Promibäuchen und Stillbrüsten betonte. Mittlerweile ist die Lästerzunge selbst mehrfache Mutter. Ihr rosafarbenes, straß- und samtbesetztes „Mami-Buch“ (mit tollen Schminktips für den Kreißsaal) stand nicht nur lange ganz oben auf den Verkaufslisten — es wurde von Mitmutter Leyen höchstselbst der Öffentlichkeit vorgestellt. Foto: Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ (40/08): Heilige Angelina?

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles