Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Noch nicht der letzte Schrei

Wenn am 12. März der Deutsche Musikpreis „Echo 2006“ verliehen wird, ertönt zugleich der „Schrei“ einer Band, die für ebendiese Auszeichnung nicht nur nominiert, sondern auch mit einem Auftritt angekündigt ist. Das präpubertäre Phänomen namens „Tokio Hotel“ wird dabei wohl erstmals mit weniger Gekreische begrüßt werden als sonst üblich. Auf ihrer aktuellen Tournee, die – das eigene Album zitierend – „Schrei ’06“ betitelt ist, kommt es schon einmal vor, daß der zulässige Lärmpegel überschritten wird – bezeichnenderweise ausgerechnet dann, wenn die Band nicht spielt. Um solches zu verstehen, muß man sich das Konzertpublikum ansehen. Als vor acht Jahren das erste sogenannte „Magdeburger Modell“ entstand, die Tolerierung einer SPD-geführten Minderheitsregierung durch die PDS, wurden just jene Mädchen geboren, die heute die Konzertsäle von Tokio Hotel füllen. Erstmals in der Popgeschichte sind die Besucherinnen nun nicht mehr bloße Teenager, die gibt es hier auch, sondern auffallend viele acht- bis neunjährige Gören, die sich – teils auf den Schultern der Eltern – ihre Seele aus dem Leib schreien, der nun auch schon in diesem Alter bauchfrei zur Geltung kommt. Der einzige Unterschied zu den größeren Girlies liegt nurmehr darin, daß statt BHs oder Tangas kleine Diddl-Mäuse auf die Bühne geworfen werden. Doch die sind vermutlich „für die Katz“. Denn die vier, allesamt aus Magdeburg stammenden Bandmitglieder, sind etwa doppelt so alt: die Zwillingsbrüder Bill und Tom Kaulitz (16 Jahre), Gustav Schäfer (17) und Georg Listing (18). Es ist gerade ein Jahr her, daß am 15. März 2005 Bundespräsident Horst Köhler in seiner berüchtigten Ansprache den Politikern die Leviten las und als einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit Geringqualifizierter ebenfalls ein „Magdeburger Modell“ anpries, das von Professoren der Otto-von-Guericke-Universität vorgestellt wurde. Viel ist seither nicht geschehen. Anders bei der Gruppe Tokio Hotel, die im Spätsommer vergangenen Jahres ihre erste Single „Durch den Monsun“ veröffentlichte und in atemberaubender Schnelle den Musikmarkt, die Medien und – vor allem – die Mädchen eroberte. Wenn der Spiegel schreibt, daß die Konzerte von Tokio Hotel „das Abbild der Verkindlichung des Pop“ seien, dann war die Verleihung des Medienpreises „Bambi“ nur die passende Illustration eines Unternehmens, das von Kritikern gern als „Ausbeutung von Kinderarbeit“ bezeichnet wird. „Durch den Konsum“ – Haß und Verehrung gleichermaßen Die vier Jungs wird das augenblicklich nicht stören: Ihr Album „Schrei“ wurde mit Platin ausgezeichnet, über 200.000 Konzertkarten wurden verkauft. Der überwältigende Erfolg und die Omnipräsenz von Tokio Hotel zeitigen derweil eine haßerfüllte Gegnerschaft. Selten dürfte eine Band so schnell gleichviel Begeisterung wie Aversionen hervorgerufen haben. Im Internet finden sich denn auch neben den Fanseiten zahllose Foren, die sich voller Inbrunst der Häme verschrieben haben. So kursiert etwa ein Parodie-Song mit dem Titel „Durch den Konsum“. Die Satirezeitschrift Pardon meldete unterdessen, daß die Gruppe ihre Hotelzimmereinrichtung zertrümmert habe – aus Frust, weil der Kinderkanal nicht eingestellt gewesen sei; ähnlich die aktuelle Ausgabe des Satiremagazins MAD, das sein halbes Heft persiflierenden Comic-Geschichten zu Tokio Hotel widmet, zum Beispiel auf einem Bild, wo den auf dem Sofa lümmelnden Jungs Damenbesuch angekündigt wird. Deren Vorfreude verkehrt sich in Schrecken, als daraufhin die gestrenge Super-Nanny erscheint. Doch alle Witzeleien wären grundlos, würde „Tokio Hotel“ nicht ein neuartiges Phänomen verkörpern. Ein Novum ist die Formation indes nicht nur in bezug auf die radikal verjüngte Zielgruppe. Exemplarisch kann man bei Tokio Hotel den Wandel popkultureller Zeichen diagnostizieren: Deren einstmals subversive Symbolik „verliert sich in Posen eines pubertären ‚radical chic'“, wie es die NZZ formulierte. Das „Dagegen“-Sein verkehrt sich in ein „Dafür“-Sein. Über die Bandmitglieder verstreut finden sich fast alle Zeichen, die in der Popmusik einstmals mit Subkultur und Rebellion konnotiert waren: Lederjacke (Rock), zerfetzte Jeans (Punk), mit Kajalstift umrandete Augen (New Wave), Dreadlocks (Reggae). Der Mu-sikkritiker Diedrich Diedrichsen hat es wie folgt formuliert: „Die Popmusik ist in einer Phase angelangt, in der das Zeichen nicht mehr auf seine Bedeutung verweist, sondern geil ist, weil es wohlgeformt ist.“ Tokio Hotel ist hierfür paradigmatisch. Die Zeichen der Rebellion sind nurmehr als kommerzialisiertes Moment von Bedeutung. Als solches wird wohl das Echo dieses Schreis bei der Musikpreis-Verleihung erklingen. Foto: Schrei mit „Echo“: Die Band Tokio Hotel mit Mädchengekreische jenseits der zulässigen Dezibelstärke

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