Joachim Kuhs

 

Juvenile Postmoderne

Über „die Jugend“ zu sprechen, ist ein schwieriges Unterfangen. Die Ausstellung „Die Jugend von heute“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn versucht dennoch diesem Phänomen mit 160 internationalen Ausstellungsstücken nahezukommen – mit Collagen, Gemälden, Zeichnungen, Videofilmen, Installationen. Die Problematik, Jugend zu beschreiben, ergibt sich weniger hinsichtlich des biologischen Lebensabschnitts. Schwieriger wird es, wenn man sich Jugend im Sinne einer spezifischen kulturellen Erscheinung nähert. Seit sich um 1900 mit der Deutschen Jugendbewegung eine subkulturelle Trennlinie zur bürgerlichen Welt der Erwachsenen bildete, haben die Jugendkulturen zahlreiche Verästelungen ausgeformt. Nach dem Wandervogel mit seiner Klampfe folgten Bündische, Großstadt-Dandys, HJ-Pimpfe, Existentialisten, Rock’n’Roll-Tänzer, schließlich Hippies und 68er. Die 68er-Generation machte die Jugendkultur zur gesamtgesellschaftlichen Norm. „Forever young“, so formulierte es Rainer Langhans, Mitbegründer der „Kommune 1“, einmal, war die Losung der Rebellen jener Jahre. Fortan prägte Jugendkultur zunehmend die Erwachsenenwelt und fand Eingang in das riesige Vermarktungssegment des kapitalistischen Systems. Punk und Pop wurden nach relativ kurzer Zeit zu austauschbaren, hohlen Lifestyle-Chiffren. Ein ganzer Schwarm von weiteren kulturellen Angeboten folgte: Die Traurigen konnten „Grufties“ werden, die Mondänen „Yuppies“, die Ekstase-Sucher „Raver“, die Zornigen „Hip-Hopper“ und wer den „bad boy“ spielen wollte, konnte immer noch in die „Skin“- und „Hool“-Szene abgleiten. Heute wirkt das Jugendkultur-Schema zunehmend überholt. Popkultur-Theoretiker geraten bereits bei jeder Nebensächlichkeit in Verzückung, kreieren mittlerweile in hymnischen Aufsätzen ein paar „Streetball“-Spieler oder zwei „Trainsurfer“ zur neuen „jugendlichen Szene“. Zugleich verblaßt die alte Trennlinie zur Erwachsenenwelt. Väter tragen dieselbe Baseball-Kappe wie ihr Sohn, Mütter hören die gleiche Musik. Zudem haben die jugendlichen Szenarien eine immense Vielfalt entwickelt, so daß selbst Ausstellungskurator Matthias Ulrich etwas hilflos wirkte. Optisch beeindruckend – doch inhaltlich leer und konstruiert Nach seinen Worten spiegeln die Werke der Ausstellung in ihrer „Thematik und Ästhetik das breite Spektrum von Optionen“ wider, welches „das Lebensgefühl der Jungen von heute“ prägt. Doch wie stellt sich die „Jugend von heute“ eigentlich dar? Bereits die behauptete Ernsthaftigkeit heutiger jugendkultureller Konflikte, zum Beispiel zwischen unterschiedlichen „Szenen“, wirkt als schales Konstrukt. Die Fokussierung auf „Sex and Crime and Rock’n’Roll“ repräsentiert zugleich eine Banalität wie einen Anachronismus. Alex Tennigkeit etwa hat programmatisch grelle Großformate in Öl geschaffen, die schießende Mädchen, Frauen in Strapsen und schnelle Autos zeigen. Doch fühlt sich nun mal jede Jugend von Sexualität und Abenteuer angezogen, und die Musik ist hier spätestens seit den 1950er Jahren nicht fortzudenken. Hinzu kommt in einigen Arbeiten eine gehörige Portion Weltschmerz und Todessehnsucht der Adoleszensphase. „Death before the age of 21“, nennt Rachel Howe eine ihrer makaberen Bleistiftzeichnungen, „Save the planet – Kill yourself“, betitelte Matthew Greene seine Massaker-Gouache. Zuletzt begegnet man einigen Szenen, die fast wehmütig an scheinbar ewige Ereignisse des Erwachsenwerdens erinnern. Joe Andoe zeigt in „Sick Girl in Car“ ein Trunkenheitsopfer, Anthony Goicolea in „Premature“ einen offenbar onanierenden Jüngling. Zahlreiche Arbeiten vermögen optisch zu fesseln, vor allem Iris van Dongens düstere Romantik, Philip-Lorca diCorcias Porträtfotos, Amie Dickes gruselige Scherenschnitte oder Ryan McGinleys C-Prints nackter Körper. Doch was daran ist das spezifische „Heute“? Das Spiel mit dem Punkstil in zahlreichen Arbeiten wirkt etwas aufgesetzt, als bloßes spielerisches Zitat. Clubs spielen zweifellos eine große Rolle, doch setzt sich jedes Stadtmagazin damit intensiver auseinander als diese Exposition. Wenn, wie an einer Stellfläche beschrieben wird, Seinsgründe heute austauschbar und nur noch mit aufgedruckten Verfallsdatum bestünden, ist das eine ernüchternde Bilanz am Ende der materialistischen Ära. Doch wirkliche Neuerungen der Gegenwart sucht man in dieser angestaubten Schau vergeblich. Computer und Spielkonsole kommen so gut wie gar nicht vor. Handies mit ihrer Palette an Klingeltönen sind – außer in Rita Ackermanns Zeichnungen von Slipgirls, auf dem Bett rauchend und telefonierend – nicht zu sehen. Von ernsten Themen wie Arbeitslosigkeit, Gewalt an Schulen oder Konsumdruck ganz zu schweigen. Der gestreckte Mittelfinger einer besprühten Affenfigur, die im Eingangsraum Che Guevara gegenüber gestellt wurde, wirkt wie eine plumpe Geste. So bleibt eine optisch interessante, aber inhaltlich dürftige Schau. Aber vielleicht paßt das ja zur Jugend von heute? (Selbst-)Täuschung zwischen Pose & Vitalitätsbehauptung: Mode & Erotik – der jugendliche Körper als Lustobjekt bei Daniele Buetti Die Ausstellung „Die Jugend von heute“ läuft bis 25. Juni in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main, Katalog: 29,80 Euro. Internet: www.schirn-kunsthalle.de

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