Suche nach dem Wechselwähler

Wenn es nach den Vorstellungen der CDU geht, wird bei der vorgezogenen Bundestagswahl der Begriff des „Wechselwählers“ eine völlig neue Bedeutung erlangen. Mit den Worten der CDU wäre das „besser für Deutschland“. Damit wirklich alle potentiellen Wähler davon Kenntnis haben, hat sie extra drei Son-dergruppen definiert: „Aussiedler für den Wechsel“, „Frauen für den Wechsel“ und „Senioren für den Wechsel“. Soviel Wechsel mag konsequent sein, nachdem die Wechselstuben weitgehend verschwunden und die Ratgeber-Bücher zu den Wechseljahren nicht mehr en vogue sind. Von Kopf bis Fuß auf Orange eingestellt Die PDS hatte in früheren Jahren mit einem ähnlichen Slogan geworben: „Zur Abwechslung mal was anderes!“ Heute hängen die Postkommunisten ein Porträt mit „Oskar“, der – zwar nicht aus der Sesamstraße, aber doch aus der Mülltonne der Geschichte herauslu-gend – die Stunde des historischen Klassenkampfs proklamiert: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Lafontaines Zitat erinnert unverhohlen an Lenin. Bei dem hieß es: „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.“ Etwa so wie jüngst in Georgien oder in der Ukraine. „Von der Sowjetunion lernen“ hieß einstmals „Siegen lernen“. Das hatte in der DDR zwar nicht funktioniert, aber die CDU versucht es trotzdem. So ist sie auf den Dreh gekommen, die Retro- und Revolutionsfarbe Orange aus Osteuropa zu adaptieren. Das führte bereits zu bedenklichen Fehlentwicklungen. Als Merkel unlängst ihre Wahlkampfreise durch die westdeutschen Bundesländer absolvierte, fehlten nahezu alle CDU-Ministerpräsidenten. Diese firmieren bekanntlich unter der Bezeichnung „junge Wilde“. Genau solche aber fanden sich unlängst im Gaza-Streifen wieder, wo sogenannte „junge Wilde“ in orangefarbener Kleidung den Widerstand gegen die Siedlungsräumung organisierten. Auch sonst ist mit Orange nicht zu spaßen. So forderte die traditionelle Orangenschlacht in der italienischen Stadt Ivrea in diesem Jahr 164 Verletzte – der Legende nach ein Brauch aus dem Mittelalter, als die Bauern einen ungeliebten Feudalherren durch eine Obst- und Gemüseschlacht aus dem Ort vertrieben … Im Unterschied zum Wahlslogan der CDU mit dem Motto „Vorfahrt für Arbeit“ fordern die Grünen „Vorfahrt für Kinder“. Familienpolitisch geradezu paradox ist da ein anderes Motiv, das auf einer Postkarte abgedruckt ist: unter der Losung „Flagge zeigen, Deutschland!“ weht vor dem Reichstag die schwul-lesbische Regenbogenfahne. Darunter findet sich – provokant angesichts der demographischen Krise – die Inschrift des Eingangsportals, die „Dem Deutschen Volke“ gewidmet ist. Letzteres durchlebt einen eigentümlichen Zustand. Obschon Wahlkampf ist, scheint niemand so richtig zu wissen, worum es eigentlich geht. „Wenn (…) der Inhalt unklar ist, kann Werbung mit der besten Verpackung nicht viel retten. Ein Arzt tut sich auch schwer, einen Patienten zu behandeln, wenn er das Krankheitsbild nicht kennt“, so Se-bastian Turner von der Werbeagentur Scholz&Friends. Die Psychoanalyse Jacques Lacans würde folgende Analogie nahelegen: Signifikant an dem gegenwärtigen Zustand ist gerade, daß der Zusammenhang von Signifikant (dem Bezeichnenden) und Signifikat (dem Bezeichneten) im Wahlkampf weitgehend verlorengegangen ist. Statt dessen nehmen sich die Akteure gegenseitig ins Visier und lauern auf allfällige Fehltritte des anderen. Vertrauen in Radwechsel und Wetterbericht Da benötigt Deutschland wohl zunächst einen Wechsel in der politischen Kultur. Wie absurd diese ist, zeigt ein Blick auf das SPD-Motto. Auf einem Plakat mit dem Konterfei Schröders wird „Vertrauen in Deutschland“ eingefordert. Beide, die SPD wegen ihrer nicht eingelösten Ankündigungen und die CDU wegen Merkels Versprechern, könnten auch unter dem Motto „Versprechen in Deutschland“ antreten. Selbst eine Koalition mit SPD und Merkel, ohne Beteiligung der CDU, wäre möglich, wie ein Blick auf die gleichnamige SPD-Kandidatin in Berlin beweist. Der CDU-Slogan „Vorfahrt für Arbeit“ bemüht – wie auch der Wechsel – ein dynamisches Moment. Dabei wußte schon Brecht, daß eine Panne auch etwas Positives haben kann: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?“ – Sollte es also keine vorgezogene Wahl geben, bleibt noch die Rückbesinnung auf den Wetterbericht, der ist womöglich wechselhaft.

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