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Auf globaler Wanderschaft

Ich mache keinen Hehl aus meiner Ansicht, daß die vierhundertjährige Vorherrschaft des Buchdrucks weit mehr Nutzen gebracht als Schaden angerichtet hat.“ So schreibt der amerikanische Kulturkritiker Neil Postman in seinem Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“. Er vertritt die These, „daß in dem Augenblick, da der Buchdruck an die Peripherie unserer Kultur gedrängt wird und das Fernsehen seinen Platz im Zentrum einnimmt, die Ernsthaftigkeit, die Klarheit und vor allem der Wert des öffentlichen Diskurses in Verfall geraten.“ Postmans Buch erschien in den USA im Jahr 1985, die deutsche Übersetzung dann 1988. Seitdem hat die Technik zahlreiche weitere Möglichkeiten geschaffen, die die Zukunft des geschriebenen Buches fraglich erscheinen ließen. Vor allem die Entstehung des Internet ließ dem Printmedium einen ernsthaften Konkurrenten erwachsen. Mittlerweile scheint sich eine friedliche Koexistenz anzubahnen. Daß aber auch beide Medien sich gegenseitig ergänzen können, wird sichtbar in einer Idee, die sich Bookcrossing nennt. Die Idee ist denkbar einfach: Es ist das uralte System der Flaschenpost. Wie der Brief in der Flasche auf dem Meer einfach ausgesetzt wird, so wird ein Buch auf der Parkbank, im Café oder in der Straßenbahn liegengelassen und sein weiterer Weg dem Zufall überlassen. Der Finder wird durch einen Hinweis auf dem Buchdeckel informiert: „Bitte lies mich. Ich bin nicht verloren gegangen. Ich bin auf Reisen und versuche, neue Freunde zu finden.“ Jeder Bücherfreund kennt das Problem: Die Zahl der Bücher nimmt immer mehr zu. Irgendwann zwingt der begrenzte Platz einen dazu, sich von einigen Exemplaren zu trennen. Manche davon standen schon seit etlichen Jahren ungenutzt da und dienten lediglich als Staubfänger. Auch so manches gute Buch hatte man schon häufig Freunden empfohlen oder gar verschenkt. Jetzt tritt noch die Möglichkeit des anonymen Verschenkens über Bookcrossing hinzu. 2004 wurde dieses Wort sogar ins Oxford English Dictionary aufgenommen. Traum von der Welt als einer einzigen Bibliothek Der Amerikaner Ron Hornbaker ließ seine Idee am 17. April 2001 registrieren, eröffnete eine Internetseite und machte seine Initiative über eine Pressemitteilung bekannt. Er möchte, daß die ganze Welt zu einer riesigen Buchhandlung wird. Wer ein Buch auf Reisen schicken möchte, läßt es im Internet registrieren und erhält eine Bookcros-sing-Identifikationsnummer (BCID). Auf die Innenseite des Buches klebt er ein Etikett mit der Aufschrift: „Bitte geh auf bookcrossing.com und trag meine BCID ein. Du wirst herausfinden, wo ich herumgekommen bin und wer mich gelesen hat. Und du kannst die Leute wissen lassen, daß ich bei dir in sicheren Händen bin.“ – Leider werden bisher nur etwa 10 bis 25 Prozent aller Buchfunde auch wirklich dort gemeldet. Dennoch nimmt die Zahl der Freunde dieser Bewegung täglich zu. Schon heute zählt Bookcrossing 400.000 registrierte Nutzer, und täglich kommen etwa 300 hinzu. Auch Verlage wie Goldmann oder Betzel unterstützen das Non-Profit-Unternehmen. So sammelt Bookcrossing immer mehr diskutierfreudige Leser um sich, die sich im Internet auch über das Gelesene austauschen. Monatlich finden Treffen auf regionaler Ebene statt. Gerade darin liegt der Erfolg von Bookcrossing. Es ist eine Werbung für das Buch im Zeitalter des Internet. Elisabeth Noelle-Neumann hatte recht mit ihrer Bemerkung: „Nur eine Gesellschaft, die liest, ist eine Gesellschaft, die denkt.“ Gerade das direkt zum Finden ausgelegte Buch bietet vermutlich eine Chance, einen Menschen durch unerwartete Lektüre zum Nachdenken anzuregen. Bisher wurden über Bookcrossing schon über zwei Millionen Bücher in 130 Ländern „freigesetzt“. Das Zeitalter des Buches ist also noch nicht zu Ende, es tritt vielmehr gerade in eine neue Epoche. Vielleicht erfüllt sich in ferner Zukunft Ron Hornbakers Traum und die ganze Welt wird zu einer einzigen Bibliothek. Diese könnte bei Bedarf ergänzt werden durch einen alternativen Vertriebsweg, der seit vergangenem Jahr zu beobachten ist. So bieten verschiedene Getränke- und Süßigkeiten-Automaten auf Bahnhöfen für Lesehungrige „gute Literatur für unterwegs und zwischendurch feil“. Für einen Euro kann man dort, zwischen Schokoriegel und Cola-Dose sortiert, kleinformatige Lesehefte bislang unbekannter Autoren erwerben, die im Berliner Sukultur-Verlag in der Reihe „Schöner Lesen“ erscheinen. Der metaphorische Bahnhof des Lebens wird so zu einem solchen des Lesens. Foto: Ausgesetzt auf einer Parkbank: Buch sucht Leser für Wanderschaft

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