Was Tante Käthe rosten ließ

Es bereitet zwar seit Jahren kein Vergnügen mehr, Franz Beckenbauer zuzuhören oder die unter seinem Namen veröffentlichten Artikel zu lesen – dafür ist sein Imagewandel von der charismatischen Integrationsfigur zum nüchternen und ernüchternden Ballsportmanager einfach zu bewußt und zu erfolgreich vollzogen worden. Zum Abschneiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Portugal und zum Abgang ihres Teamchefs hat der „Kaiser“ und Aufsichtsratsvorsitzende jedoch ausnahmsweise einmal die passenden Worte gefunden: „Rudi Völlers Rücktritt“, so verkündete er via Bild-Zeitung, „ist für den deutschen Fußball schlimmer als das Aus bei der EM.“ Die Woge fassungsloser Empörung, mit der sich der Deutsche Fußballbund auseinanderzusetzen hat, zeigt, daß weite Teile der Öffentlichkeit diese Meinung teilen. Und das zu Recht. Das Ausscheiden der DFB-Auswahl schon in der Vorrunde der Europameisterschaft war sicherlich enttäuschend. Man hatte aber schon vorher eine Ahnung, wo die Mannschaft stand und daß es schwer werden würde, gegen die derzeit starken Tschechen und die niederländischen Dauerkonkurrenten zu bestehen. So ist es dann – leider – auch gekommen. Das Turnier hat aber gezeigt, daß (fast) jeder jeden schlagen konnte. Mit ein wenig Glück wäre nicht allein für die Spanier, Italiener, Engländer oder Franzosen, sondern auch für die Deutschen mehr zu erreichen gewesen. Anders als vor vier Jahren ist die Elf im schwarz-weißen Trikot in Portugal nicht vom Platz gefegt worden. Dies ist vor allem dem Wirken Rudi Völlers und seines von der einschlägigen Boulevardpresse als „Fehlerflüsterer“ verunglimpften Assistenten Michael Skibbe zu verdanken. Rudi Völler hat der deutschen Nationalmannschaft wieder auf die Beine geholfen und ihr eine gewisse Perspektive gegeben. Er hat sich durch die Medien und die Heerschar der mit guten Ratschlägen um sich werfenden Fußballexperten nicht dazu verleiten lassen, nach seinem Amtsantritt oder gar nach jedem zwischenzeitigen Dämpfer Hals über Kopf einen fundamentalen Neuaufbau auszurufen. Er vermochte es statt dessen vielmehr, aus Spielern, die man – wie etwa Thomas Linke oder Didi Hamann – als notorische Verlierertypen bereits abschreiben wollte, wieder Leistungsträger zu formen. Zwei Jahre nach dem Trauerspiel von Rotterdam führte er die Nationalmannschaft in das WM-Finale von Yokohama, während die von vorgeblichen Fußball-Gourmets in Lindenstraßenmentalität vergötterten Franzosen vorzeitig ausschieden, ohne auch nur ein Tor zu erzielen. Es mag sein, daß die deutsche Auswahl selbst bei dem Turnier in Japan und Südkorea nicht jenen Fußball geboten hat, den die in den Sportredaktionen tätigen Sparversionen von Günter Netzer als kultiviert oder modern durchgehen lassen könnten. Man war aber nichtsdestotrotz erfolgreich, weil die Spieler sich zum richtigen Zeitpunkt auf jene Stärken besannen, die den deutschen Fußball seit jeher auszeichneten. Wie so oft ließ man eine Konkurrenz hinter sich, der allein das naserümpfende Ressentiment blieb, einer eigentlich spielerisch minderbemittelten Mannschaft ungerechterweise unterlegen gewesen zu sein. Daß Rudi Völler so etwas möglich sein könnte, durfte man bereits bei seiner ersten Partie als Teamchef, dem fulminanten Kantersieg über die Spanier, erhoffen. Die Sympathien der Öffentlichkeit flogen ihm spontan zu, und er hat sie nicht enttäuscht, selbst wenn die Resultate seines Teams letztendlich durchwachsen waren. Während der Weltmeisterschaft 2002 erwies er sich als ein würdiger Nachfolger von Sepp Herberger, Helmut Schön und des Franz Beckenbauer von 1990. Das Abschneiden bei der Europameisterschaft hat dieses Prestige nicht ankratzen können, weil selbst dem hartgesottensten Fußballfanatiker durchaus bewußt ist, daß sich ein Wunder von Bern nicht alle zwei Jahre einplanen läßt. Der Rücktritt Rudi Völlers bewegt die Gemüter aber nicht allein, weil hier jemand eine Verantwortung auf sich nimmt, die er gar nicht zu tragen hätte. Es regiert die Furcht, daß nun jener Kontinuitätsbruch einsetzen könnte, den sogar die lange Leidenszeit unter Berti Vogts und Erich Ribbeck nicht mit sich gebracht hat. Rudi Völler verkörperte bereits als Spieler jenen sehr rar gewordenen Typus des volksnahen Sportsmannes, den selbst allgemein bekannte Ausnahmegagen nicht von den geringverdienenden Zuschauermassen entfremden. All jene, die ad hoc als Nachfolger ins Spiel gebracht wurden, lassen diese Eigenschaft vermissen. Insbesondere gilt dies für Ottmar Hitzfeld. Seine Kompetenz als Trainer von Vereinsmannschaften wird niemand in Frage stellen. Um die Nationalmannschaft wieder nach vorne zu bringen, bedarf es aber anderer Motivationstechniken, als Profispieler zur Vertragserfüllung anzuhalten. Der eigentliche Skandal sind jedoch die Begleitumstände, die ihn zum Prätendenten für den von Rudi Völler geräumten Stuhl werden ließen. Es drängt sich der Eindruck auf, daß hier ein Versorgungsposten für jemanden geschaffen werden sollte, den der FC Bayern München aufs Abstellgleis geschoben hat. Schon vor der EM, als man eigentlich davon ausgehen durfte, daß frühestens nach 2006 an einen Amtswechsel gedacht werden könnte, wurde Hitzfeld aus heiterem Himmel als potentieller Teamchef gehandelt. An eine einsame Entscheidung Rudi Völlers in der Nacht nach dem Ausscheiden mag daher glauben, wer will. Der DFB-Spitze unter dem Fußballpaten Mayer-Vorfelder ist zuzutrauen, daß sie die Demontage des populären Teamchefs aktiv betrieben hat, um sich den guten Empfehlungen aus der belle étage der Bundesliga nicht zu versperren. Ihre Aufgabe wäre es jedoch, die Vereine querbeet durch den bezahlten Fußball zu einer mutigeren, auch auf die Entwicklung deutscher Talente setzenden Personalpolitik zu ermuntern. Denn genau hier liegt das Strukturproblem, mit dem nicht einmal ein Rudi Völler fertig wurde.

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