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Superstars und Supergurken

Das Lesen im Kaffeesatz des vergangenen Jahres steigert die Quote. All die Themen des Jahres, all die bizarren Ereignisse wollen in Szene gesetzt und noch einmal bewältigt werden. Und jeder will bei der Aufbereitung der Erste sein. Ergo preschte der selbsternannt „innovativste“ bundesdeutsche TV-Sender RTL II bereits am 28. November mit seiner „typisch chronologischen“ Rückbesinnung vor. Ob die Heirat des Pop-Sternchens Britney Spears und deren postwendende Scheidung zwei Tage später, ob die „Wir sind das Volk“-Debatten um Hartz IV, der Terror in Madrid, Otto Rehhagels Griechen-Sieg bei der Fußball-Europameisterschaft oder die Krisen bei Karstadt und bei Opel – nichts wurde vernachlässigt. Zurück blieb jedoch, sowohl bei RTL II als auch all den anderen Rückschauen, wie in jedem Jahr ein überaus fader Beigeschmack. In Sonderheit, wenn die Jahresrückblicke das Schicksal der 2004 Verstorbenen, vor allem aber der nicht „normal“ Dahingeschiedenen in makabrer Art und Weise verbildlichten: all die kollateral Geschädigten zwischen Euphrat und Tigris, die in die Luft gesprengten Schüler-Geiseln in Beslan, die Terroropfer von Madrid, all die von fanatischen Selbstmördern attackierten israelischen Busgäste, die „gezielt“ Getöteten (Hamas-Chef Scheich Jassin), die à la Arafat Dahingerafften und die brutal Abgestochenen (Theo van Gogh). Nicht zu vergessen der vom „Kannibalen von Neukölln“ zerstückelte Joe R., der „elterlich“ vernachlässigte zweieinhalbjährige Dominic in Halle, die um der Familienehre willen ermordete junge Kurdin Güldünya Tören. All die armen Seelen mit ihren makabren Schicksalen sind Spiegelbilder einer enthemmten Menschheit, die im Jahr 2004 die Welt bevölkerte und wohl auch 2005 bevölkern wird. Kein Wunder also, daß so mancher voller Entsetzen resümiert: „2004 war mal wieder ein übles Jahr!“ Doch wenn dann der Moderationsguru Günther Jauch mit seinem RTL-Jahresrückblick „2004! Menschen, Bilder, Emotionen“ das Jahr Revue passieren läßt, verbleicht alles Entsetzen und man planscht in einem „Wechselbad der großen Gefühle“. Und derer gab es viele: Den emotional bewegenden Abschied der Anke Engelke von ihrer „Anke Late Night“-Show – vom Publikum als Harald-Schmidt-Nachfolgerin verschmäht und von der Presse verhöhnt. Die Tränen der deutschen Vielseitigkeitsreiter, die aufgrund einer jedweder „olympischen Idee“ widersprechenden konzertierten Aktion der Kollegen aus Frankreich, Großbritannien und der USA ihre Goldmedaillen zurückgeben mußten. Die entsetzten Gesichter vieler Internet-Nutzer, als der von einem Schüler aus Niedersachsen programmierte und auf den Weg gebrachte Computerwurm „Sasser“ im Mai weltweit für Tohuwabohu sorgte: ein Superwurm aus dem Land der Pisa-Verlierer? Den Schmerz des blauen Auges der deutschen Boxhoffnung Wladimir „Milchschnitte“ Klitschko, das sich der Mann der „reißfesten Papiertaschentücher“ bei seiner K.o.-Niederlage in Las Vegas eingefangen hatte. Nicht zu vergessen das überaus gefühlsbetonte und Mediengeschichte schreibende „Seien Sie bitte still!“-Interview der Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Innen-, Gesellschafts- und Bildungspolitik Bettina Schausten mit dem sächsischen NPD-Spitzenkandidaten Holger Apfel. Den traurigen Blick des gefallenen „Superstars“ Daniel Kübl-böck, der mal kurz ohne Führerschein einem Gurkenlaster in die Parade fuhr und damit fast das Ende der Spaßgesellschaft eingeläutet hätte. Doch Deutschland suchte nicht die Supergurke, sondern Superstars. Also kreierten die innovativen, im wahrsten Sinne des Wortes am Zahn der Zeit operierenden TV-Stationen („Schönheit um jeden Preis – Letzte Hoffnung Skalpell“) neue Spaß- und Starsuch-Formate. War dann endlich einer der vielen Sterne – Glühwürmchen wäre bei manchen passender formuliert – geboren, zeigte man sich wiederum innovativ und rief: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ Die „Dschungelshow“ eroberte die bundesdeutschen Wohnstuben, die „Stars“ begingen eine Unappetitlichkeit nach der anderen, und keiner sprach mehr von Maximilian Nepomuk Mutzke. Max wurde von „Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“ zum europäischen Schlagerwettbewerb nach Istanbul geschickt und avancierte mit seinem Song „Can’t Wait Until Tonight“ für kurze Zeit zu einer der bekanntesten Stimmen Deutschlands. Doch dann machte er Abitur, wurde kein Superstar, und keiner holte ihn raus aus der Vergeßlichkeit des Jahres 2004. Vergessen kann man vor allemden Untersuchungen der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften zufolge vor allem die Prognosen der Astrologen für das Jahr 2004. Demnach wäre nämlich Angela Merkel schon seit Herbst Kanzlerin. US-Präsident George W. Bush wäre bei einem Attentat ums Leben gekommen, und Superstar Daniel Küblböck hätte eine genauso steile Karriere gemacht wie Anke Engelke. Doch wer erinnert sich noch daran, daß der südkoreanische Tiermediziner Hwang Woo Suk mit dem erstmaligen Klonen menschlicher Stammzellen einen Tabubruch in der Genforschung beging? Wen bewegt noch Mel Gibsons Verfilmung des Leidenswegs Jesu „Die Passion Christi“? Zu gewalttätig, zu blutig, zu erfunden, zu judenfeindlich, hieß es. Wer entsinnt sich der Entdeckung von Wasserspuren auf dem Mars? Die US-Zeitschrift Science kürt in ihrem traditionellen Jahresrückblick das Ereignis zum „Meilenstein“ bei der Suche der Menschheit nach Leben im Universum. Was im Jahr 2005 die Welt erschüttern wird, weiß man noch nicht. Ein Komet wird es aller Wahrscheinlichkeit nach vorerst nicht sein, denn nach Berechnungen des Astronomen Hermann Mucke wird der Komet „C/2004 Q2“ am 5. Januar in 52 Millionen Kilometern Entfernung an uns vorbeirasen. Foto: Daniel Küblböck: Mutprobe im „Dschungelcamp“ als einer der umstrittensten Höhepunkte des Jahres

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