Mit Tuba und Trompeten

Zunächst: Sachsen-Anhalt, südliche Region. Was einst war, jungsteinzeitliche Besiedlung und eine Häufung mystischer Plätze, ist längst verschüttet, und wenn im Ziegelrodaer Forst die „Sternscheibe von Nebra“ gefunden wird, jubelt allein die Außen- und die Fachwelt. Um so schöner ist es, in solch gottverlassener Ödung auf eine Insel der Kultur, Freude und Vitalität zu treffen, wenigstens einmal im Jahr, an einem Ort: Lichtmeß in Spergau. Anfahrt aus westlicher Richtung, vier Uhr dreißig in der Frühe. Als Orientierungspunkt dienen die weithin sichtbaren Raffineriefeuer von Leuna. Vorbei an etlichen Dorfdiskotheken, die regionale Restjugend taumelt an den Straßenrändern. Gekifft wird hier nicht, Alkohol ist das einzige, was Hilfe verspricht. Die Fahrstrecke ist lange bekannt: Als wir neu hier waren, wurde jedem Gast mangels anderer Attraktion das gigantische Industriepanorama „Leuna bei Nacht“ präsentiert. Kilometerlange Stahlröhren, Schlote, die in den Himmel ragen, monumentale Tanks und dampfende Wasserkessel erstrecken sich auf der Fläche einer Kleinstadt, alles hundertfach beleuchtet. Sturmböen peitschen über das flache, waldlose Land und lassen aus den Raffinerietürmen wahre Feuerbrünste entweichen. Wenige Kilometer entfernt ist Lützen, Geburtsort des Übermensch-Philosophen Friedrich Nietzsche. Das kleine Dorf, das an den Werkszaun grenzt, heißt niedlich „Bäumchen“. Nur noch ein fahler Lichtschein der Fabrik fällt auf die spärlich beleuchteten Straßen. Fünf Uhr, als Spergau passiert wird. Vereinzelt laufen Menschen die Bürgersteige entlang, gemeinsames Ziel: der Gasthof „Zur Linde“. Hier endet keine durchfeierte Nacht, hier beginnt gerade das Fest. Und wie: Mit Pauken, Tuba und Trompeten lärmt eine Kapelle, die Menge tobt. Das Lokal ist zum Bersten gefüllt, Herren müssen Bäuche einziehen, die Enge läßt auf fremden Füßen tanzen. Uniformierte Paradiesvögel und anderes Federvieh in aufwendigen Ganzkörperkostümen hüpfen bedrohlich, vier Pferde mischen sich dazwischen. Zahlreich auf sämtlichen Kostümen angebracht sind sonnenähnliche Symbole, Rosetten und Blumen. Eine Vielzahl von Kellnern und Kellnerinnen in adrettem Schwarz mit gestärkten weißen Schürzen drängt sich dazwischen, ohne auch nur einen Gast zu bedienen. Wild springt eine Gruppe junger Männer mit kernigen Gesichtern im Kreis, mit Lumpen bekleidet, teilweise in kurzen Hosen, Wehrmachtshelm oder Filzhut auf dem Kopf. In der Hand hält jeder eine kleine Schalmei – zwischen den Märschen der Kapelle wird gellend getrötet. Kurz nach sechs leert sich der Gasthof schlagartig. An den Straßenrändern haben sich neben den Bürgern des Anderthalbtausend-Einwohner-Ortes auch auswärtige Besucher und Fernsehteams postiert: das alte Brauchtumsfest ist eine weithin bekannte Attraktion. Die Lichtmeßgesellschaft nimmt ihre Stellung zum Umzug ein. Einem klaren Regelwerk muß hier Folge geleistet werden, und es gilt als Ehre, der Gesellschaft anzugehören. Nur gebürtige und unverheiratete Spergauer dürfen der hierarchisch gegliederten Gemeinschaft angehören, ein Aufstieg in der Lichtmeß-Ordnung folgt in Jahresraten: Der unteren Kategorie gehören die Pritscher und Schwarzmacher an, die, als Vögel verkleidet, ihre hölzernen Schlagwerkzeuge schon bedrohlich in die geöffneten Fäuste klatschen. Eine höhere Stellung nimmt der Bändermann ein, der verkörperte Frühling: ein rotwangiger Jüngling mit einer prächtigen Blumenkrone, dann folgt der Registrator, der uniformiert zu Pferde sitzt und mit lauter Stimme nun die Anwesenheit der Lichtmeßgesellschaft überprüft. Ein donnerndes „Ja!“ folgt jedem verlesenen Namen. Die oberste Stellung in der Hierarchie kommt den Küchenburschen zu, die sich neben ihren Küchenmädchen aufgestellt haben – die tatenlosen Kellner von vorhin. Um als erster Küchenbursche am Zug teilzunehmen, so heißt es, hat mancher schon seine Hochzeit um Wochen oder ein Jahr verschoben – nur Ledigen gebührt diese Ehre. Mittendrin ein Tanzbär, nur mühsam an der Kette gehalten. Noch bevor sich der Zug gesittet in Bewegung setzt, sorgen die wilden Kerle mit ihren Schalmeien und die vier zweibeinigen Pferde für Rabatz. Lärmend rattern die Jungs mit kleinen Holzkarren durch die Dorfstraßen, an einem kleinen Galgen baumelt ein toter Hahn; die Pferde werden vor einen Pflug gespannt und rasen wild den Asphalt hinauf und hinunter, daß der Pflug Funken schlägt. Dann reihen auch sie sich ein, und die Kapelle spielt wieder auf. Die etwa achthundert Teilnehmer und Zuschauer setzen sich in Bewegung durch das Dorf. Auf einem Platz ist ein Feuerstoß aus trockenem Holz und Plunder errichtet worden, es brennt wie Zunder, der starke Wind facht die Flammen zusätzlich an. Der zerrupfte Gockel wird den Flammen übergeben. Es dämmert noch nicht, als das Feuer auf Mannshöhe herabgebrannt ist. Da bricht die Lichtmeßgesellschaft auseinander: der Tanzbär wird wild und bedroht die Menge, die Pritscher teilen erste Schläge aus, das Pferdegespann samt Pflug und Führer setzt wieder und wieder zum Sprung über die Flammen an, die Schalmeienspieler tanzen tollkühn auf dem flackernden Scheiterhaufen, so lange, bis nur noch Flämmchen brennen. Jetzt sind auch die bunten Vögel, die ihre düsteren Masken nun vors Gesicht gezogen haben, als Schwarzmacher am Werk: Mit schwarzer Schuhcreme – anstelle von Asche – stürzen sie sich auf die Zuschauer und verrichten ihr Werk, bis sämtliche Gesichter geschwärzt sind. Unversehens ist der Spuk vorbei, die Menge stiebt auseinander, der Platz leert sich punktgenau zur Dämmerung. Woanders formiert sich die Lichtmeßgesellschaft wieder neu, jetzt wird bis zum Abend „Heische gegangen“: Jeder einzelne Haushalt wird um Wurst und Eier gebeten, die dann in Suppe und Salat bei Tanz bis ins nächste Morgengrauen hinein verspeist werden. Das Feuer ist erloschen, die Flammentürme von Leuna, die zwischen Spergaus Häusern hervorragen, bestimmen wieder das Bild. Die strenge chemische Dauerbrise weht den Lagerfeuergeruch erbarmungslos beiseite. Einmal mehr hat Spergau versucht, den Frühling herbeizutanzen. Wir verlassen den Ort. Vor uns liegt Sachsen-Anhalt, und immer noch Winter.

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