Mit Sony für Deutschland

Deutschland erwacht mal wieder“, so begrüßte irgendwann ganz am Anfang der 1980er Jahre ein Fernsehmoderator lakonisch seine irritierten Zuschauer im Vorabendprogramm. Eigentlich warteten sie ganz harmlos darauf, Beispiele einer neuen deutschen Musikszene zu sehen und zu hören, die sie bislang bloß gerüchteweise kannten. Plötzlich war also ein größerer Zusammenhang zu bedenken. Böse war das Bonmot allerdings nicht gemeint, eher ein Scherz sollte es wohl sein, man freute sich in dieser Zeit noch darüber, wenn mit einfachen Mitteln ein kleiner Tabubruch gelang. Berichtet wurde in dem TV-Beitrag dann vor allem über Projekte aus dem Umfeld des Düsseldorfer Labels Ata Tak und über einen lustigen jungen Mann, der einen tollen Song mit dem Titel „Das Dreiminutenei“ oder so ähnlich verfaßt hatte, in dem er drei Minuten (oder wie viele Minuten auch immer) lang ununterbrochen das Wort „Ei“ intonierte. Wer das sah, wußte: Hier wird eine neue Zeit geboren. Eine richtig neue Zeit wurde es dann zwar doch nicht, aber viele hatten in diesen Monaten Spaß an dem erhebenden Gefühl, daß man mit bekennendem Dilettantismus und rücksichtsloser Naivität die bestehenden Verhältnisse mir nichts dir nichts überrumpeln könne. Man war antiamerikanisch und mokierte sich dabei nicht nur über Reagan und seine Bösewichter mitsamt ihren Mittelstreckenraketen, sondern in toto über die „Coca-Cola-Sonne“, die „aufs neue auf den Glanz unserer Republik“ schiene, wie es in einen Lied aus jenen Tagen so hübsch hieß. Außerdem war man gegen den primitiven Oswald-Kolle-Optimismus der Sechziger, gegen die verkniffene Heinrich-Böll-Antispaßkultur der Siebziger und gegen das, was die Zukunft wohl bringen würde, sowieso. Nicht zuletzt aber war man nicht mehr gewillt, auf Teufel komm raus antideutsch sein zu müssen. Stars and Stripes und das dazugehörige Idiom verschwanden aus der neo-autochthonen Popkultur, die man zur griffigen Vermarktung flugs „Neue Deutsche Welle“ getauft hatte. Man schwärmte für die Mauerstadt und huldigte ironisch der Provinz. Afri Cola versuchte einen Relaunch als „deutsche Alternative“, und die Frontfrau der Gruppe „Nichts“ tirilierte, daß sie hier geboren sei, nichts dafür könne und ein deutsches Lied sänge, auch wenn es niemand höre wolle. Heute kocht die Erinnerung an damals wieder hoch, und schuld daran ist nicht zuletzt eine Berliner Band namens „Mia“. Mia klingt ein bißchen so, wie schon damals manche klangen, etwas überspannt, etwas holperig, ein wenig impulsiv und vor allem unberechenbar, so als würde man im Augenblick noch nicht recht wissen, wie das Lied weitergehen soll. Mia reproduziert nicht nur den Sound des deutschen Post-Punk, Mia versucht ebenso herauszufinden, wie das ist, wenn man sich naiv stellt und so tut, als wäre es das natürlichste von der Welt, „dem eigenen Land“ nicht nur mit Mißtrauen und Verachtung zu begegnen. Die Band kokettiert daher „unbefangen“ mit Schwarzrotgelb, und die Sängerin resümiert, so als knüpfte sie an „Nichts“ wieder an, in dem Lied „Was es ist“, daß sie sich selber nicht mehr leidtue, wenn man sie jetzt frage, woher sie komme. „Wir sind definitiv links“, haben die Musiker, um keinen falschen Verdacht auskommen zu lassen, dem Spiegel zu verstehen gegeben, aber auch dadurch unterscheiden sie sich eigentlich nicht von den Originalen der NDW, die mit ihren Vorleistungen den Erfolg dieser Retroband erst möglich machten. Es ist nicht so, daß mit der Entfernung der Mut gewachsen wäre und man sich nun als „selbstbewußte Nation“ übte, die aus dem langen Schatten, den die Vergangenheit wirft, endlich heraustritt. Mia scheint vielmehr zum Ausdruck bringen zu wollen, daß dieses Land ein anderes geworden ist, so richtig zum Liebhaben für so manche, die früher nicht im Traum daran gedacht hätten. Das ist wohl nicht zu leugnen, das ist eine bittere Wahrheit insbesondere für alle Langzeitpatrioten, die in Zweifel gestürzt werden könnten, die sich fragen könnten, was das Bild, welches sie sich von Deutschland machen, überhaupt noch mit der Bundesrepublik von heute zu tun hat. Allerdings erobert Mia mit ihrem kindlich-ach-so-frechen Charme nicht alle Herzen im Sturm. Das gesunde Volksempfinden bleibt manchen verdächtig, auch wenn seine Emanationen auf gewisse Lernerfolge schließen lassen könnten. Man wittert im Kontext einer hegemonial ausgerichteten Berliner Republik, die nach innen Geschlossenheit für den Sieg im Völkerringen der Globalisierung erstrebt, eine neudeutsch-nationale Unterwanderung der Popkultur und einen richtig fiesen Opportunismus ihrer Trendsetter. Der „antideutsche“ Lunatic Fringe bedenkt daher theoretisch wohlerwogen und nicht bloß aus dem Bauch heraus gerade diese Band, die einst im Umfeld des Revolutionären 1. Mai in Berlin doch so prächtig für gute Laune gesorgt hat, mit allerlei Wurfmaterial aus der braunen Tonne, wo immer sie die bekennende Nähe zu ihrer einstigen „Szene“ sucht. Richtig wohl fühlen kann sie sich dort in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr. Mia ist jedoch auf dem Karriereweg weit genug vorangekommen, um auf Authentizitätskitsch wie die vermeintliche Verankerung in einem imaginären Kontext ohne weiteres verzichten zu können. Verkaufserfolge erzielt man nur in der Mitte der Gesellschaft, und um in dieser als unangepaßt, wild und bar bürgerlicher Rationalität zu erscheinen, muß man nicht das ganze Repertoire verkniffener Sonderlinge, die sagen, was andere nicht hören wollen, bedienen. Es reicht, wenn man nett und sympathisch ab und zu ein Zeichen setzt und gut gelaunt aus der Reihe tanzt. Am 19. März hat das Quintett nun die Gelegenheit, einem großen Fernsehpublikum zu zeigen, wie professionell man unterdessen mit seinem Image umzugehen weiß. Im nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (früher: Grand Prix d’Eurovision) geht Mia, nominiert von Sony, mit dem braven Lied Hungriges Herz ins Rennen – da wird man es mal allen zeigen, wie eine neue Generation mit dem guten alten Thema „Gefühle“ umgeht. Auch wenn die Fahrkarte zur Endrunde nach Istanbul nicht gelöst werden sollte: Mia freut sich über die „Herausforderung“, wie die Band in der schönen Diktion moderner Bewerbungsgespräche sagt. Die Hommage an die achtziger Jahre geht nicht so weit, daß man vergessen würde, was in den harten Fast-schon-nach-Schröder-Zeiten die Forderung der Stunde ist. Foto: Musikgruppe Mia: In Berlin freuten sich Fans und warfen Eier – für Deutschland sein geht eben nicht!

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